Mouse on Mars

Name: Mouse on Mars
Alter: 25
Beruf: Band
Gelernter Beruf: nix
Geburtsort: Köln/Düsseldorf

Exil-Düsseldorfer seit: dem Studium
Wohnort: Berlin
Webseite: mouseonmars.com | Facebook

Das Duo Mouse on Mars eröffnet am 9. Dezember das diesjährige Musikfestival „Lieblingsplatte“ im Zakk. Das Festival findet vom 9. bis zum 16. Dezember 2017 zum zweiten Mal statt. Sechs verschiedene Bands und Musiker betreten mit ihrem eigenen liebsten Album die Bühne. Alle aufgeführten Platten haben in ihren Genres Meilensteine gesetzt und künstlerische Grenzen ausgelotet. Präsentiert werden Acts aus verschiedenen Musikrichtungen, wie Electronica, HipHop und Rock.

THE DORF traf exklusiv Jan St. Werner und Andi Toma von Mouse on Mars in Berlin. Sie zählen zu den wichtigsten Vertretern der neuen Elektronik-Schule. Gruppen wie Kreidler, To Roccoco Rot und eben Mouse On Mars bildeten in den Neunzigern eine dynamische und international anerkannte Szene in Düsseldorf. Es scheint, als hätte die Welt nur auf die erfrischenden Sounds und den zugleich universellen Ansatz in ihrer Musik gewartet. Mit ihrer bahnbrechenden Platte Iaora Tahiti von 1995 – welche für viele als Referenzalbum der neuen Düsseldorfer Elektronik-Schule gilt – machen sie den diesjährigen Auftakt in ihrer Gründungsstadt.

Konzert: Mouse On Mars | Iaora Tahiti @ Lieblingsplatte Festival
Datum: Samstag, 9. Dezember
Beginn: 21 h
Ort: zakk

Für Leute, die Euch und Eure Musik nicht kennen, wie würdet Ihr Euren Musikstil beschreiben? Musik über Musik, unruhig aber mit stabilem Atomkern.

Wie seid Ihr zur Musik gekommen und wann habt Ihr damit angefangen? Kassettenexperimente, Geräuschmusik, Musik aus dem Fernseher. 70er-Jahre-Rock, Schlager, Pop, Klassik. Dann Punk und New Wave und die ersten wichtigen Scheiben von Eno/Byrne, Can und Holger Czukay, Flying Lizzards, African Head Charge, This Heat, etc.

Wann kam es zur Gründung von Mouse on Mars und mit welchem Hintergrund habt Ihr euch so genannt? Wir trafen uns 1992 bei einem Dronemetal Festival in Köln. Eine Bekannte stellte uns einander vor. Wir wollten dann bei Kaffee und Kuchen Samples austauschen. Damals wie heute waren wir an allem interessiert, was Stilistiken und Klangtraditionen in Frage stellt bzw. ignoriert. Den Namen fanden wir gut, weil er nicht nach Band klang. Er war irgendwie peinlich und radikal zugleich.

Seit wann seid Ihr in Berlin und wie habt Ihr Euch zurechtgefunden und eingelebt? Nach einigen Jahren zickzack, mit immer einem Bein in Köln, zog Jan mit Familie vor ca. 9 Jahren nach Berlin. Andi brachte im Jahr darauf das Studio aus Düsseldorf dorthin. Über Mark Ernestus fanden wir ein Studio im Funkhaus Nalepastraße, dem alten Radiozentrum der DDR. Mittlerweile arbeiten wir im Hotel Michelberger am Warschauer Bahnhof in Berlin-Friedrichshain.

Warum habt Ihr Düsseldorf verlassen? Wir waren lange dort! Um genau zu sein: Wir hatten 1997 ein wunderschönes Studio in der alten Schnapsfabrik in der Friedenstraße 62 in Bilk in das Loft des Künstlers Soulis Moustakidis gebaut. Schon durch seinen Nachnamen war die Verbindung zur Band offensichtlich. Nachdem er das Gebäude wegen steuerlichen Ungeschicks verlassen mußte und die Verwaltung zurück an die Besitzer fiel, wurde es unbehaglich. Zudem hatte Jan eine Stelle am Institut für elektronische Musik STEIM in Amsterdam angenommen. Es gab viele Konzerte und Projekte im Ausland. Wir hatten uns ans Reisen gewöhnt und der Standort wurde für uns immer unwichtiger.

Was vermisst Ihr an der Stadt? Die Nähe zu Köln.

Was schätzt Ihr an Berlin? Irgendwie sind in diesem Labyrinth alle anderen Städte auf die eine oder andere Art integriert. Jeder hat eine eigene Vorstellung von Berlin und die Stadt hat dadurch viele Gesichter und Geschichten.

Welche Musiker haben Euch geprägt und inspiriert und tun es noch heute? Can, Sun Ra, Van Dykes Parks, Xenakis, Stockhausen, Dub, Drum & Bass, Footwork, Spektrale Musik, A-Musik, Moondog, Robert Ashley, David Behrman, Curtis Mayfield, Earth, Oval, Olivier Messiaen, David Tudor, Claude Debussy, Bernard Parmegiani.

Wann habt Ihr den Durchbruch geschafft und wie habt Ihr das für euch selber wahrgenommen? Der wichtigste Moment war für uns, unser Debut nicht in Deutschland zu veröffentlichen. Die Musik in Deutschland war Anfang der 90er stark „genrefiziert“. Wir fühlten uns eingeengt. Dass uns Too Pure signten und wir dadurch unsere ersten Auftritte in England hatten, eröffnete uns Spielräume, die wir uns vorher gar nicht hatten vorstellen können. Wir hatten ja keinen Plan, außer dass wir frische Luft wollten und Platz zum experimentieren. Zudem war es praktisch, dass unser Drummer Dodo NKishi in London lebte. Also eigentlich war er kein Drummer, sondern Sänger und Gitarrist, aber Andi kannte ihn noch aus Düsseldorf und fragte ihn, ob er bei unserem allerersten Auftritt im Garage in London Schlagzeug spielen wollte. Wir stellten uns ein Drumkit zusammen und Too Pure buchten uns einen Dub Reggae Engineer und fertig war die Liveband.

Was ist das Besondere an der Berliner Musikszene? Wie habt Ihr die Entwicklung der Szene selber erlebt und wahrgenommen? Hier gibt es einfach alles, experimentelle Kammbläser, progressive Sinfonierchester, Synthetikexperten, Theoretiker und Heimatlose. Keiner ist wichtiger als der andere bzw. gibt es von allem genug, so dass sich keiner zu wichtig nehmen sollte. Die Stadt hatte viele Traditionen, aber keine erscheint uns als herausragend.

Kommendes Jahr bringt Ihr ein neues Album heraus. Was könnt Ihr uns hierzu schon verraten und worauf dürfen sich Eure Fans besonders freuen? Ein facettenreiches Album mit vielen Gästen. Es wird eine Stereomischung für Vinyl, CD & Stream und eine Mehrkanal-Raumklanginstallation geben. Vom Sound her wird es weniger clubbig, sondern eher komplex verspielt, mit unerwarteten Brüchen, aber auch mit sich über längere Strecken entwickelnden Teilen. Es ist uns hoffentlich gelungen, ein Album zu produzieren, dass man von vorne bis hinten in einem Rutsch durchhören will.

Am 9.12. ist das Eröffnungskonzert des diesjährigen Lieblingsplatte Festivals, wo Ihr das Album Iaora Tahiti von 1995 spielen werdet. Wie sind eure Erwartungen zum Lieblingsplatte Festival und was macht das Konzert und das Konzept von Lieblingsplatte so besonders? Wir haben selten Erwartungen und sind vor allem erstmal offen. Was unseren Auftritt betrifft, freuen wir uns, nach längerer Zeit wieder mit Dodo an den Drums und unserem langjährigen FOH Mischer Topo zu arbeiten. Und da wir das Album noch nie in Gänze aufgeführt haben, wird es auch für uns einige Premieren geben. So führen wir zum Beispiel zum ersten Mal mit Harald Sack Ziegler „die innere Orange“ live auf. Das wird auf jeden Fall ein Highlight für uns.

Was steht neben der Veröffentlichung Eures neuen Albums als nächstes bei Euch an? Wir arbeiten weiter an unserem Musiksoftware Label MoMinstruments, über das wir Mobile Music Applications veröffentlichen. Wir co-kuratieren ein Soundsymposium am MIT im März 2018, bei dem auch die Installation zum neuen Album aufgebaut werden wird. Jan wird mit seiner Klasse „Dynamische Akustik“ an der Kunstakademie Nürnberg weiter sehr aktiv sein. Außerdem wird es ein neues Liveset geben, das wir Anfang 2018 vorstellen werden. 2017 waren wir auch recht fleißig, wir haben den neuen Sound des Senders COSMO, ehemals Funkhaus Europa, produziert, auf dem Album „Sleep Well Beast“ von The National Album mitgearbeitet, ein experimentelles Radiostück mit Mark Waschke für den WDR produziert und unsere neue e.p. Synaptics auf Monkeytown veröffentlicht.

Gibt es Plätze oder Orte in Berlin, die Euch in eurem Job inspirieren? Der feuchtkalte, konzentrisch angelegte Speicherraum des Wassertums im Kollwitzkiez, die geheime unterirdische Hühnchenproduktion vom Hühnergrill am Görli, in einer Wasserkutsche über die Spree tuckern, Eis vom Cuore die Vetro, Vintage Audio auf der Schönhauser Allee, der Wellenfeldsyntheseraum der TU, der Blick auf den Warschauer Bahnhof von unserem Studiofenster aus.

Aktuell läuft auf Eurer Playlist/eurem Plattenspieler? David Grubbs Creep Mission, Errorsmith Superlative Fatigue, Schlammpeitziger Damenbartblick auf Pregnant Hill, Siriusmo Comic, Olivia Block Untitled for Piano and Organ.

Vielen Dank!

Text: Nico Bülles
Fotos: Sabrina Weniger
© THE DORF 2017