Heinz Theo Durst

Name: Heinz Theo Durst
Alter: 58
Beruf: Meisteruhrmacher bei Wempe
Gelernter Beruf: Uhrmacher
URL: www.wempe.de

Es ist ein Freitagnachmittag Anfang Dezember, als wir Heinz Theo Durst bei Wempe auf der Königsallee zum Interview treffen. Draußen wird ordentlich Glühwein konsumiert und auf der neuen Schlittschuhlaufbahn auf dem Corneliusplatz drehen Kinder in Schneeanzügen erste zaghafte Bahnen. Der Meisteruhrmacher sitzt an einem Reparaturtresen im Store, den Kopf auf die Arbeitsfläche gelegt. Er hat die monokelartige Lupe ins Auge geklemmt und ist so in die Reparatur einer Rolex vertieft, dass es einige Minuten dauert, bis er aufblickt. Das macht uns nichts, denn ihm bei der Arbeit zuzusehen ist wie Entspannungsmusik für die Augen. Für diesen Zustand, der zwischen Konzentration und Meditation liegt, hat er einen Schalter, wie er selbst sagt, den er an- und ausknipsen kann. Ausgeknipst ist Heinz Theo Durst zwar noch immer entspannt, aber alles andere als ruhig: Die Zeit verfliegt auch im Gespräch mit ihm.

Herr Durst, was fasziniert Sie am Uhrmacherhandwerk?
Heinz Theo Durst: Die Finissage. Die Dinge ästhetisch schön zu machen, über die Funktion hinaus. Das macht die Uhrmacherei zum Kunsthandwerk. Wussten Sie, dass die Uhrmacherei bis ins 18. Jahrhundert als Bildende Kunst, wie die Bildhauerei und die Malerei, galt?

Nein, das wusste ich nicht. Und ist das ein aussterbendes Handwerk?
Heinz Theo Durst: Leider ja. Wempe ist das größte ausbildende Unternehmen Europas. Wir kümmern uns um den Nachwuchs. Aber leider hat man nicht mehr die selbe Freiheit wie früher. Ich habe von kleinen filigranen bis großen Uhrwerken alles gesehen und gelernt. Ein Kunde kam einmal in den Laden und sagte: „Ich habe da eine Uhr, können Sie mal vorbei kommen?“ Als ich dort ankam, hatte er ein Gut gekauft und auf diesem befand sich eine Turmuhr. An der habe ich dann mit dem Fäustel und dem Schmiernippel gearbeitet, wie in der KFZ-Werkstatt, anstatt wie üblich mit Pinzette und Lupe. Es ist also ein sehr abwechslungsreicher Beruf. Heute wird eher auf Spezialisierung gesetzt.

Was war die Uhr, die Sie am meisten überrascht hat in ihrer Laufbahn?
Heinz Theo Durst: Das war eine Art Sympatik, wie sie Cartier als Tischuhr herstellt, bei der man nur Glasscheiben sieht, die sich drehen, aber keine Mechanik. Logischerweise existiert die Mechanik, aber sie ist versteckt. Da gab es nun einen Hersteller, der das als Armbanduhr gefertigt hatte. Ich dachte zuerst, das wäre eine Elektronische, also nur simuliert. Aber ich habe reingeschaut und stellte fest: Die ist echt. Also habe ich mich beim Hersteller erkundigt und da wurde mir gesagt: „Nehmen Sie sich in Acht. Derjenige, der die Gläser geschliffen hat, landete anschließend in der Psychiatrie, weil die immer wieder kaputt gingen.“ Da habe ich beschlossen, die Finger davon zu lassen. (lacht)

Der verrückte Uhrmacher quasi?
Heinz Theo Durst: Also ein bisschen verrückt muss man ja sein.

Was braucht man sonst , um ein guter Uhrmacher zu sein?
Heinz Theo Durst: Man muss sich die Neugierde bewahren und Interesse an den Menschen haben. Eine Uhr ist je etwas sehr Persönliches. Ich habe schon wahnsinnig spannende Menschen durch meinen Beruf kennengelernt. Künstler, Politiker und sogar Menschen, die Geschichte geschrieben haben.

Wen zum Beispiel?
Heinz Theo Durst: Über lebende Kunden spreche ich nicht, aber eine Sache kann ich erzählen: Meine erste Komplikation. Man muss eine Weile als Uhrmacher gearbeitet haben, bevor man alleine so etwas Schwieriges machen darf. Das war ausgerechnet die Uhr von Thyssen-Krupp-Chef Berthold Beitz. Ich wusste natürlich, wer er war. Er sagte dann: „Sie dürfen mir die Uhr auch nach Hause bringen.“ Also bin ich nach Essen gefahren, in die Villa Hügel. Dort saß ich in einem Ohrensessel, mir gegenüber hingen Bilder von Chruschtschow, Kennedy, Ben Gurion, die er alle persönlich kannte. Um es kurz zu machen, ich kam mir ziemlich klein vor.

Wie sieht die Zukunft der Uhr aus, tragen wir nur noch Apple Watches?
Heinz Theo Durst: Das sind keine Uhren, sondern Zeitmesser. Ich sehe das sehr philosophisch. Eine mechanische Uhr ist wie eine Frau. Die hat eine Seele. Man muss sie gut behandeln.

Welche Uhren mögen Sie persönlich am liebsten?
Heinz Theo Durst: Ach, da bin ich ein bisschen Patriot. Am liebsten sind mir A. Lange & Söhne, IWC und Jaeger LeCoultre. Rolex natürlich auch, die kam ursprünglich aus Kulmbach. Aber damit darf man dann nicht erwarten, ein Unikat zu haben. Von den etwa zwei Millionen Luxusuhren, die jährlich produziert werden, sind 900.000 von Rolex.

Jetzt werden wir noch einmal philosophisch: Was ist Zeit für Sie?
Heinz Theo Durst: Das ist eine Frage, die mich viel beschäftigt. Ich denke, darauf bekommen Sie so viele Antworten, wie sie Menschen fragen. Zeit ist für mich die Aneinanderreihung von Geschehnissen und Geschichten.

Zu guter Letzt: Haben Sie eine Lieblingszeit?
Heinz Theo Durst: Ja, das kann ich Ihnen genau sagen: 07:44 am 23. Juni. Das ist meine Lieblingsminute, in der Minute wurde mein Sohn geboren. Der ist jetzt 16 Jahre alt und findet Papa ganz furchtbar peinlich.

MORGENS

Guten Morgen – wo trinken Sie morgens Ihren Espresso in der Stadt, um wach zu werden? Im Cafe Bazzar. Ich liebe das Wilhelm-Marx-Haus.

MITTAGS

Lecker, gesund und frisch lunchen gehen Sie in Düsseldorf… japanisch – am liebsten im Yoshi by Nagaya. Oder auch in den Schadow-Arkaden die Suppen bei Don.

NACHMITTAGS

Ihre Lieblingsroute zum Spazierengehen, Schlendern, Kopf-Frei-Kriegen: Im Hofgarten, wegen der Bäume. Ich liebe Bäume, weil sich die verstrichene Zeit an ihnen manifestiert.

Drei Plätze in Düsseldorf, die Sie Ihren Gästen unbedingt zeigen müssen: Die Terrasse im Hyatt am Medienhafen, die Rheinpromenade, Oberkassel.

Zum Kaffeeklatsch mit Küchlein & Co. trifft man Sie hier: Im Steigenberger auf der Terrasse draußen sitzend.

ABENDS

Wo verbringen Sie am allerliebsten einen gemütlichen Abend mit Freunden oder der Familie? Zuhause an meinem 300 Jahre alten Tisch für 16 Personen.

Welches Restaurant repräsentiert für Sie am meisten den typisch-charakteristischen Geschmack von Düsseldorf? Das muss ich als Rheinländer eine Schwemme nennen: Uerige, Füchschen – das ist für mich Düsseldorf.

Ein Restaurant, wo Sie immer mal hinwollten, aber noch nie waren: Ins Nagaya.

Dein Lieblings-Altbier: Füchschen.

NACHTS

Deine Lieblingsbar oder Dein Lieblingsbartender sind: Interconti.

Dance the night away! Getanzt wird hier: Nein. Ich tanze nicht.

IMMER

Könnte man Düsseldorf essen, schmeckt es nach… sauren Gurken.

Was hassen Sie am meisten an Düsseldorf? Die Stadtplanung. Weil die Stadt keinen Dom hat.

Gibt es Plätze oder Orte in der Stadt, die Sie in Ihrem Job inspirieren? Die schlanke Mathilde auf der Königsallee.

STIL

Ihre Top 3 Shopping-Adressen in Düsseldorf? Den Kaufhof und die Kö rauf und runter

Gibt es (einen) Düsseldorfer Designer oder Künstler, den Sie besonders schätzen und wenn ja, warum? Jörg Immendorf.

ALLGEMEIN

Welches Buch liegt aktuell auf dem Nachttisch? Stephen Hawking, Eine kurze Geschichte der Zeit

Welchen Kinofilm haben Sie zuletzt gesehen? Keine Ahnung, Fantasy auf jeden Fall.

Ihr All-Time-Favorite-Movie? Ich liebe die Filme von Luc Besson.

Ihr All-Time-Favorite-Song? ‚(I can’t get no) Satisfaction‘ von den Stones.

Für welchen Verein schlägt Ihr Herz? Für den 1. FC Köln

Vielen Dank!

Text: Barbara Russ
Fotos: Kristina Fendesack
Produktion: David Holtkamp
© THE DORF 2017