ar/gee gleim

Name: ar/gee gleim
Beruf: Fotograf / Dokumentarist
Gelernter Beruf: Kaufmann und Gärtner

Geburtsort: Düsseldorf
Webseite: www.gnogongo.de

Düsseldorf ist als Großstadt eine sehr kleine Stadt.

Es ist ein verregneter Septembertag, als wir die Tür zur Kreuzherrenecke, der legendären Düsseldorfer Eckkneipe, auf der Ratinger Straße öffnen. Vor einer dunkel vertäfelten Holzwand mit messingfarbenen Garderobenhaken erwartet uns der Fotograf ar/gee gleim. Schon der Treffpunkt ist dabei mit Bedacht gewählt. Denn wer den Künstler kennt weiß, dass sein Herz und seine Blende dem deutschen Punk verschrieben sind.

Demjenigen Musik- und Lebensstil also, der auf dieser Straße und besonders im benachbarten Ratinger Hof Ende der 1970er Jahre nicht nur seinen Ursprung hatte, sondern auch seinen Höhepunkt erlebte. Was als Gespräch über ihn und seine anstehende Ausstellung geplant war, entwickelt sich zu einer anregenden Lehrstunde über Fotografie, Düsseldorf und dem Punk, der weit über die Stadtgrenzen hinaus deutsche Musikgeschichte schrieb.

Seine Anfänge

„Ich bin einer, der irgendwie haften bleibt.“ Angefangen, so erzählt er, hat alles mit der Suche nach einer geeigneten Kamera für einen geplanten Film. Dafür ging er an jenen Ort, wo es Ende der 1970er Jahre hieß, da würden die neuen Sachen abgehen: den Ratinger Hof. Einige Male zuvor war er bereits als Besucher dort gewesen, konnte aber die Euphorie zunächst nicht teilen. Mehr öde als elektrisierend, eine Hippiekneipe mit Palmen und durchgesessenen Sesseln „ (…) wo Leute sich an einem Bier festhielten und einen Pennplatz suchten“, so hatte er den Hof kennen, aber nicht lieben gelernt.

Es bedurfte eines besonderen Anlasses, um den Ratinger Hof und ar/gee gleim zusammen zu führen: einen Anlass mit Auslöser. Von einem Bekannten auf der Suche nach einer Kamera auf den Hof verwiesen, wurde er hier tatsächlich fündig. Von da an gehörte er dazu. Denn jetzt war er selbst kreativ tätig. „Das Credo der Punks war: „Jeder ist ein Künstler“, erinnert er sich an den Zeitgeist, der mit der neuen Jugendkultur Einzug gehalten hatte. Die eigene Aktivität brachte ihm die Lizenz mitzumachen, ein Teil der neuen Dynamik zu sein. Der gelernte Gärtner wurde so zu einem autodidaktischen Fotografen. Es war dieser Eintritt in die Szene, der ihm später so nahe und intime Momentaufnahmen ermöglichte. Von nun an sollte im Leben von ar/gee gleim einiges anders werden.

Seine Kunst

„Ich gehe 10 Mal die gleiche Straße entlang. Irgendwann fällt mir ein Detail auf, das ich 9 Mal übersehen habe (…).“ Da war zunächst einmal der Name. Wie jede Band einen Namen hat, braucht auch ein Fotograf einen Künstlernamen. So entstand Ende der 70er Jahre ar/gee gleim, was der englischen Aussprache seiner Initialen R.G. entspricht. Mit neuem Namen und allzeit bereiter Kamera zog er los, um nah dran zu sein, um das Entstehende fest- aber nicht aufzuhalten. Damals wie heute. Freiheit nimmt für den selbstständigen Autodidakten dabei einen zentralen Stellenwert ein.

Die Sprache seiner Bilder ist der Blick in die Wirklichkeit. Arrangierte, inszenierte Fotografien interessieren ihn dabei weniger. Im Gegenteil. Das Unscheinbare, Unaufgeregte, Unfertige ist sein Metier. So schlendert er durch die Stadt, als Chronist des scheinbar Alltäglichen, stets bereit für Zufallsbegegnungen und Spontanschüsse. Immer dabei: seine kleine Reportagekamera. Diese begleitet ihn durch Düsseldorf, vermeintliche Banalitäten werden durch sein Ablichten in den Fokus gerückt und erzählen ihre Geschichten von der Stadt.

Seine Stadt

„Düsseldorf ist als Großstadt eine sehr kleine Stadt.“ Er mag sie, seine Stadt. Sehr sogar. Ein Dorf in der Stadt. Übersichtlich. Greifbar. Begrenzt. Adjektive, die für ein Verständnis von Düsseldorf als Mittelpunkt der Punkbewegung in den 1970ern essenziell sind. Wie von selbst bildete sich hier eine Szene, ein Zusammenhang. Offen genug, um immer neuen Input zu suchen, und durch die Dichte der Stadt nah genug, um nicht zu zerfasern. ar/gee gleim hielt all das fest. Für Gleim spielte die Kunstkademie, die schon damals Weltgeltung hatte, dabei eine gewichtige Rolle.

Sichtlich gern denkt er an diese Zeit zurück. „In der Kunstakademie habe ich mich viel rumgetrieben. Zu unseren Jazzerzeiten waren wir die Hausband der Akademie“, erzählt er lachend. Hier trat er ein in eine freie, offene Welt von Studenten, Dozenten und Professoren. Sie alle kamen in den benachbarten Ratinger Hof und fanden einen Ort vor, der eine Art Heimat für viele junge Musiker geworden war. Denen hatte die damalige Besitzerin Carmen Knoebel ermöglicht, im Keller des „Hofs“ zu proben, eine Option, von der auch die Band ZK regen Gebrauch machte. Die Besucher aus der Akademie blickten nicht abfällig auf die Punkszene herab, sondern fanden sie interessant, nahmen sie Ernst und suchten den Austausch. Eine Toleranz, die niemand einforderte, die einfach da war.

Erleichtert hat diesen Austausch auch das Herkunftsmilieu der Musiker. Sie entstammten mehrheitlich nicht – wie ihr englisches Pendant – der Arbeiterklasse, sondern bürgerlichen Kreisen. „Die eigentlichen Macher kamen alle aus bürgerlichen Kreisen“, verrät Gleim, „hatten Eltern mit sehr ordentlichen Berufen.“ Bei aller Verschiedenheit war aber auch der rheinländische Ableger der Punk-Subkultur als solcher erkennbar. Etwa am demokratischen Kunstverständnis, dem entsprechend sich Künstler und Publikum auf Augenhöhe begegneten. Mitunter verschwommen die Grenzen gar, wie etwa auf dem legendären Konzert der Gruppe DAF in der Philippshalle am 17. Juni 1981. Für ar/gee ein absolutes Ereignis. Das Publikum stürmte die Bühne, sodass von Gabi Delgado, dem Sänger, nichts mehr zu sehen war. Doch das war nicht das Ende des Konzerts. Im Gegenteil. Mal stand das Publikum auf der Bühne, mal der Sänger davor. Der „anachische“ Punkgedanke wurde hier gelebt.

Der Campino war im besten Sinne witzig. Wenn ich witzig sage, ist das oft negativ, aber der war richtig gut. Das war richtig toll.

Seine Ausstellung

„Mein ganzes Leben besteht aus Zufällen. Wenn man den Sachen hinterher rennt, dann rennen die weg. Wenn man sie auf sich zukommen lässt, dann sagt man hallo und Dankeschön.“ Wer sich von der Lebendigkeit und Energie der damaligen Zeit mitreißen lassen möchte, ist in der kommenden Verkaufsausstellung zu Zeiten von ZK und den frühen Jahren der Toten Hosen (1980 – 1983) im postPost – Grand Central genau richtig. Aufgenommen in den damaligen Szenetreffs, wie dem Okiedokie, der Trompete und der Freizeitstätte Garath werden hier 63 schwarz-weiß Exponate gezeigt und legen Zeugnis von Gleims Erlebnissen ab in einer Zeit höchster Kreativität.

Einige Fotos hat er zu unserem Gespräch mitgebracht. Bei der Betrachtung wird deutlich, welch eine pulsierende Energie von den Bildern ausgeht, auch 40 Jahre später scheint es, als sei man selbst dabei. So echt, so lebendig, so authentisch sind diese Aufnahmen und sie machen Appetit auf mehr. Zur Idee hinter der Ausstellung hat ar/gee gleim eine Anekdote parat: „Der Andi stand eines Tages vor meiner Tür und hat nach den alten Aufnahmen gefragt.“ Der Andi – das ist Andreas Meurer, Bassist der Toten Hosen. Schon die erste Begegnung mit den Toten Hosen – damals noch ZK – in der Heerdter Trompete hatte ihn begeistert. Der Einfallsreichtum, das Innovative, er sah hier etwas, was er zuvor noch nicht gesehen hatte.

„Der Campino war im besten Sinne witzig. Wenn ich witzig sage, ist das oft negativ, aber der war richtig gut. Das war richtig toll“, erzählt er begeistert von ihrer ersten Begegnung. Wie folgenreich diese war, macht die kommende Ausstellung deutlich. Sein Werk der späten 1970er Jahre zeigt nicht allein die Düsseldorfer Punkszene, sondern einen Teil deutscher Musikgeschichte. Ein Glücksfall. Er war zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Seine Bilder dokumentieren nicht nur, sie sind Teil der Szene.

Wie sehr er immer noch mit der vergangenen Zeit assoziiert wird, bemerken wir beim gemeinsamen Verlassen der Kneipe. Verstohlene Blicke und Getuschel sind wahrzunehmen. „Das ist doch ar/gee“, ist da zu hören. Darauf angesprochen sagt er, dass es ihm oft so ergehe: „Die kennen mich, aber ich kenne sie nicht.“ Er ist und bleibt ein Urgestein. Wir schlendern zum Abschluss gemeinsam über die legendäre Ratinger, auf der mittlerweile die Sonne scheint. Vor dem ehemaligen Ratinger Hof halten wir inne. Jenem Ort, an dem für ihn alles begann. Mit einem Zufall. Eine schöne Begegnung, die nachklingt.

Infos zur Ausstellung:
ZK und die frühen Toten Hosen.
Fotografien von arg/ee gleim.
postPost – Grand Central.

Vernissage 29. September 2017
Ausstellung 30. September bis. 14. Oktober 2017

Danke!

Text & Interview:
Theresa Naomi Hund  

Fotos: Markus Luigs / www.kunstprodukt.com
Produktion: David Holtkamp

© THE DORF 2017

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