Auswärtsspiel @ Craft Beer Days Hamburg

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Auswärtsspiel Hamburg: The Dorf bei den Craft Beer Days
Der Düsseldorfer an sich schaut auch gerne mal über den Tellerrand. Unser großes Dorf am Rhein ist nicht von ungefähr international geprägt. Laut „Altbierlied“ haben wir in der Düsseldorfer Altstadt außerdem „die längste Theke der Welt“. Das Bier hat uns neben Mode und Kunst rund um den Globus auf die Karte gebracht. Weil die nationale und internationale Bierszene gerade gewaltig in Bewegung ist, hat sich „THE DORF“ auf den Weg nach Hamburg gemacht – zu den vierten internationalen „Summer Craft Beer Days“. Ein Festival des besonderen Biers für Entdecker oder Wiederentdecker. Denn in der Hansestadt geht in der Szene einiges…

Bei Sonnenschein und Superstimmung schenkten dort 20 Brauereien rund 5.500 Besuchern über 100 verschiedene Biere ein. Allein fünf der Brauer sind in der Hafenstadt zu Hause. Die anderen kamen aus Dänemark, Kanada, Kalifornien, Bayreuth, Berlin oder Düsseldorf.

Angestoßen und Händchen #boschholdinghands gehalten, wie es seiner Instagram-Serie entspricht, haben wir bei dem Happening mit Blogger André Krüger alias „Bosch„, einem überzeugten Biertrinker und großen Fan von dem Düsseldorfer „Uerige DoppelSticke“. Der Mann hat über 60.000 Fans auf Instagram.

„Uerige“-Baas Michael Schnitzler brachte den Bier-Fans unterdessen im Workshop „dat lecker Dröppke“ nahe und verzapfte Spannendes zu Tradition, Geschichte und Technik seiner Hausbrauerei. In der Quintessenz ist der Uerige schon immer wahres Craft Beer, seit 1862. Das „Uerige“ ist mittlerweile die einzige noch vollständige Hausbrauerei in der Altstadt. (Baas bedeutet übrigens „Chef“ oder „Boss“)

„Craft Beer“, also handwerklich gebrautes „Kreativ-Bier“, wird übrigens überwiegend in kleinen Manufakturen gebraut. Dabei sind Aroma und Qualität der Zutaten das A und O, nicht der günstigste Preis. Dementsprechend rar sind diese Biere in Deutschland. Das meiste ist heute industriell gefertigter Gerstensaft.

Details hat uns der Weltmeister der Sommeliers für Bier von 2013, Oliver Wesseloh verraten. Der Mann ist selbst Brauerei-Inhaber, Braumeister und Kreativbrauer und kennt sich dementsprechend aus mit der leckeren Materie. Und er hat eine Mission: den Menschen die Bierbegeisterung nahezubringen.

„Deutschland ist eintönig geworden, bis auf wenige Regionen“, sagt der Sommelier mit der Nase für hochwertiges Bier. Düsseldorf sieht er da noch als leuchtendes Beispiel. Denn unser Altbier sei eine der wenigen klassischen deutschen Bierstile, der nicht wirklich angerührt wurde oder irgendwann untergegangen sei. Anders als beispielsweise die obergärige „Berliner Weisse“.

„Das klassische Altbier hat sich in Düsseldorf gehalten. Auch da gibt es Industriebeispiele, klar.“ Doch für Wesseloh ist das „Alt“ der meistverkannte Bier-Stil der Republik. Wenn er in Hamburg im Laden welches findet, „dann eben von der einzigen Brauerei, die nicht aus Düsseldorf stammt und zu einem großen Konzern gehört. Und die mit dem, was ich unter Altbier verstehe, auch nicht mehr so richtig viel zu tun hat.“

Bei den „Craft Beer Days“ holen die Brauer ihre Schätze aus dem Keller. Und die sollen den Menschen wieder Spaß machen am echten Bier. „Das ist eben so ein Event, um den Leuten zu zeigen, dass da was geht – biermäßig . Ihnen Geschmack auf Bier machen.“

In der Branche gäbe es ein Missverständnis. Es würde gesagt: „Wir müssen für die Nichtbiertrinker Biere machen, die nicht mehr nach Bier schmecken.“ Doch der umgekehrte Weg ist für Oliver Wesseloh der richtige. Um Leute zu begeistern, müsse man komplexe Biere machen, die etwas zu bieten hätten, bei denen es etwas zu entdecken gäbe. „Der Geschmack muss ausbalanciert sein. Nicht wie bei einem Pils, wo einfach das Bittere heraussticht und ansonsten ist da nix.“

Das „DoppelSticke“ von „Uerige“ ist laut Oliver Wesseloh erst durch die Nachfrage aus den USA entstanden, wo die Szene sehr kreativ ist. Unter Bierkennern sei es das Bier, das man haben wolle, weil es etwas Besonderes sei. Hier sieht Wesseloh die Chance für jede Brauerei, die noch etwas Besonderes macht. Beim „Uerige“ seien es „Sticke“ und „DoppelSticke“, bei Schumacher das „1838er“ und das „Latzenbier“.

Ganz wichtig für die Zukunft sei, dass Brauereien an ihrer Tradition festhielten. Das gelte auch für die Craft-Beer-Szene. „Es geht nicht immer nur darum, etwas Neues zu machen. Das verkennen die meisten Leute. Eigentlich ist Craft-Beer die Wieder- entdeckung von alten Bierstilen“, sagt der Kreativbrauer. Auch IPA, also „India Pale Ale“, sei ein klassischer englischer Bier-Stil, der in den USA zu neuem Leben erweckt wurde. Das gleiche gelte für Pale Ale. Es sei schön zu sehen, wie diese Biere derzeit neue Wertschätzung erführen. „Die Leute sagen: „Dann kaufe ich mir eben nur sechs Flaschen und nehme die mit nach Hause. Und wenn der richtige Moment gekommen ist, dann trinke ich die mit ein paar Freunden.“ So wie es bei Gin und Wein ganz normal ist.

Ein Risiko sieht Wesseloh darin, dass durch halbherzige Projekte der Markt zerstört wird, bevor er sich richtig entwickeln kann. „Wir sind das Bier-Land, aber wir sind sehr, sehr weit abgeglitten. Wir sind sehr in den Mainstream reingerutscht.“ Die Brauereien selbst hätten den Menschen durch ihre Lieferverträge mit der Gastronomie aberzogen über die Bier-Wahl nachzudenken. Zum Glück würden sich die Menschen innerhalb der allgemeinen Foodie-Bewegung wieder Gedanken über Essen machen. „Bier ist leider das letzte Glied in der Kette.“

Mittlerweile gäbe es aber die Leute, die sagten, okay, ich kauf mir nur ein paar Flaschen, aber dafür passt das Bier vielleicht genau zu dem Thai-Curry, das ich mir heute Abend mache. „Bier kann mehr Bereiche abdecken als Wein. Gerade wenn wir in den Bereich Schärfe reingehen, muss Wein passen. Gerade hopfenbetonte Biere dagegen könnten mit Schärfe ganz toll spielen. Gerade hierfür sei eine Veranstaltung wie die „Craft Beer Days“ gedacht. Da könne man 100 verschiedene Biere probieren und 40 verschiedene Bier-Stile. „Ich gehe immer jede Wette ein, dass jeder der hier her kommt, seinen Bier-Stil finden wird.“

Nach einem grandiosen Wochenende mit vielen netten neuen und alten Bekanntschaften, einem erweiterten Wissensschatz zum Thema „Craft Beer“ und ein paar Literchen Bier, durch die wir uns durchprobieren durften, steht auch eines nach diesem Ausflug fest: Düsseldorf kann in Sachen „Food and Drink“ von Hamburg noch jede Menge lernen.

Interview: David Holtkamp
Text: Katja Hütte
Fotos: Robin Hartschen
© THE DORF 2015

Mit freundlicher Unterstützung von Uerige.