Mission Lifeline: Im Gespräch mit Judith Büthe

„Das ist humanitär, man greift da ein und das war‘s“

Von „Welt retten“ und Heldentum will sie nichts hören – vielmehr erzählt die Düsseldorfer Fotojournalistin Judith Büthe in aller Klarheit und voller Leidenschaft für die Sache. Bei dieser geht es darum, gemeinsam mit einem Team auf dem Mittelmeer vor der libyschen Küste Menschen auf der Flucht vor dem Ertrinken zu bewahren. Mit dem Rettungsschiff von dem Verein Mission Lifeline möchte sie so bald wie möglich ablegen und helfen, aktiv Menschen aus Seenot zu retten. Für Mission Lifeline ist Judith aktuell auf der Suche nach finanzieller Unterstützung, um die Einsätze zu stemmen. Wir trafen die Fotografin Judith zu einem berührenden Gespräch in Düsseldorf.

Wie kam es zu Deinem Einsatz auf dem Mittelmeer, Deiner freiwilligen Arbeit für NGOs und wie sieht Deine Arbeit als Fotojournalistin dort aus? Ich arbeite als Fotojournalistin und habe in den letzten acht Jahren vermehrt für NGOs gearbeitet, war viel im Ausland unterwegs und habe Projektarbeiten begleitet. Mit Beginn der Katastrophe auf dem Mittelmeer vor der Libyschen Küste im Jahr 2015 war für mich klar, dass es wichtig ist, von dort zu berichten. Ich habe dann den Kontakt zur zivilen Seenotrettung gesucht und bin in das Thema eingestiegen. Ich wollte nicht nur als Fotojournalistin spannende Bilder mitnehmen, sondern mich in das Thema einfühlen, es verfolgen und eine Verbindung zu schaffen von Afrika aus bis Europa. Für mich war der Ansatz zu sagen: Ich kann mit meiner Arbeit, meinem Handwerk das unterstützen, was ich sowieso draußen machen wollte. Während der Einsätze bleibt nicht viel Zeit, um das Zeitgeschehen zu dokumentieren, das begreift man schnell. Es ist ein Unterschied, ob man auf dem Bildschirm ein Schlauchboot sieht, mit Menschen, von denen man weiß, dass sie in einer Notsituation sind, oder ob man vor Ort sieht, wie Menschen ertrinken.

Mit Eurem Engagement hat sich eine neue Initiative gegründet, die wieder bereit und motiviert ist, sich weiter für die Notlage auf dem Mittelmeer einzusetzen. Was ist das erklärte Ziel von „Mission Lifeline“Wir haben uns gemeinsam mit mehreren aktiv-helfenden Leuten der Initiative Mission Lifeline aus Dresden angeschlossen. Das ist ein Verein, der vorher unter anderem Namen schon zwei Jahre lang aktive Hilfe auf der Balkanroute geleistet hat und seither in der Vorbereitung für die zivile Seenotrettung ist. Alle Schiffe, die draußen sind, verstehen sich als eine Art zivile Flotte. Jeder Verein steht für sich und ist angewiesen auf Spenden, aber man weiß, dass man draußen auf dem Wasser nur etwas schaffen kann, wenn man extrem daran arbeitet, Kräfte zusammenzubringen. Gegeneinander arbeiten nützt hier gar nichts. Jetzt ist der Punkt erreicht, dass Mission Lifeline das Geld für das Schiff zusammen hat und wir mit unglaublich kompetenten Leuten rausfahren könnten. Uns fehlt aber noch das Geld, um die Einsätze fahren zu können und Umbauten vorzunehmen, um das Schiff für den Rettungseinsatz klar zu bekommen.

Wie kann Hilfe konkret aussehen? Wir wissen aus Erfahrungswerten und einem klar kalkulierten Finanzplan, dass wir monatlich knapp 30.000€ brauchen, um die Einsätze zu stemmen. Jetzt benötigen wir Menschen, die uns dabei unterstützen, damit wir die Arbeit draußen leisten können. Und wir benötigen Freiwillige an Land, die die Spendenakquise übernehmen und die auf das Schicksal der Menschen und unseren Einsatz aufmerksam machen.

Es ist eine unglaubliche körperliche und psychische Anstrengung, draußen auf dem Meer zu sein und wir sind froh um jeden Freiwilligen, der Lust hat mitzumachen. Eine Crew von etwa 16 Leuten hat eine Einsatzzeit von 2-3 Wochen. Von Malta aus geht es vor die libysche Küste und man braucht immer wieder Leute, die nachkommen. Es gibt an Deck die verschiedensten Aufgaben, die übernommen werden können. Dabei ist es wichtig, dass auch immer nautisch erfahrene Leute dabei sind. Wichtig ist, anpacken zu wollen. Da kommt vom Jurastudenten bis zum Koch alles zusammen. Alle verbindet, dass sie nicht weiter zusehen können, wie Menschen ertrinken, weil keine politische Lösung für diese Katastrophe gefunden wird.

Wie sieht euer konkreter Arbeitsethos beim Verein Mission Lifeline aus? Was wir als allererstes verfolgen, ist der humanitäre Ansatz. Abgesehen von der Seefahrt, in der es normal ist, dass man Leute rettet, die zu ertrinken drohen, ist es so, dass man nicht zugucken kann, während da draußen so eine Katastrophe passiert. Das zweite ist zu wissen, dass nach den Diskussionen mit Frontex und dem EU-Deal, der geschlossen wurde, Libyen keins der sicheren Länder ist, in denen man Menschen an Land bringen kann. Es gibt mittlerweile Berichte darüber, dass die Lager dort KZ-ähnliche Zustände aufweisen. Da muss man sich nicht darüber unterhalten, ob wir Menschen auf afrikanischer Seite wieder absetzen würden.

Spendenaufruf
Nicht jeder muss gleich mit Mission Lifeline rausfahren, aber können hier Judiths Arbeit konkret unterstützen und dem Team dabei helfen, weiter Leben zu retten. Das Schicksal der Menschen auf dem Mittelmeer betrifft uns alle!

“Ein besseres Gefühl wäre es, gar nicht mehr rausfahren zu müssen, weil sich die politische Lage ändert. Das ist aber nicht absehbar, dessen sind wir uns bewusst. Deshalb halten wir uns dran, bald vor Ort zu sein und mit anpacken zu können“, sagt Judith. Also los und Daueraufträge go!

MISSION LIFELINE e.V.
IBAN: DE85 8509 0000 2852 2610 08
BIC: GENODEF1DRS
Volksbank Dresden e.G.

Links: www.mission-lifeline.de • www.seenotrettung.info
seenotrettung.info/de/spenden

Vielen Dank!

Text: Teresa Schmidt-Meinecke
Fotos: Judith Buethe
© THE DORF 2017