Im Zwiegespräch mit Kunst und Konsum 


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Die Kunstmesse ART.FAIR in Köln bringt jedes Jahr Spekulanten, Träumer und Realisten an den Start. Im Gespräch mit dem Düsseldorfer Galeristen Rüdiger Voss und dem jungen Pariser Maler Antoine Cordet geht unsere Autorin Teresa der Frage nach, was eine ART.FAIR in Zeiten von Bildertsunamis macht. Cordet hat es von der Kunst der Straße an die Leinwand bewegt. Auf der diesjährigen Messe Ende September hat er „15 minutes of Fame“ und die guten Verkäufe seiner melancholischen Portraits geniessen können. Voss hat die Kunst an seinem Stand auf der Fair in einen lebendigen Dialog treten lassen und teilt mit uns seine Sicht auf den Kunstmarkt.

Wie wird man vom Graffiti Künstler zum Maler?
Cordet: Das kam mit der Zeit, das war ein Reifeprozess, durch Recherche, Weltoffenheit und dem Studium anderer Künstler. Außerdem ist die Streetart ja immer etwas Vergängliches, sie verschwindet immer früher oder später wieder, ich wollte meine Arbeit mehr verewigen und damit eine Intimität aufbauen. Wenn man meine Arbeiten heute anschaut, verstehe ich, wie schwer vorstellbar es ist, dass ich mal dort angefangen habe, aber das ist eine Entscheidung, eine Entwicklung zu dem, was mich mehr berührt und was ich ausdrücken will.

Qu’est-ce qui à fait que tu sois passé du graffiti à la peinture sur toile?
Cordet: En fait ça n’a pas été un changement direct, ça s’est fait avec le temps, la maturité, les recherches, l’ouverture d’esprit, l’étude des peintres, etc…Et puis dans le street art ou le graffiti il y a quelques chose d’éphémère, ça disparaîtra tôt ou tard, je cherchais plus à pérenniser mon travail et à créer une intimité avec lui. Quand on voit mes peintures d’aujourd’hui, je comprend qu’on ai du mal à s’imaginer que j’ai commencé par là, mais c’est un choix, une évolution lente vers ce qui me touche plus et ce que je souhaite communiquer.

Wie verarbeitest du die Bilderfluten, mit denen wir jeden Tag konfrontiert werden?

Cordet: Ich finde das genial, das ist eine unerschöpfliche Quelle der Inspiration. Ich versuche da wie ein Schwamm zu sein, oder eher wie ein Sieb: Die unwichtigen Dinge lasse ich einfach an mir vorbeiziehen, um mir nur das einzuprägen und zu behalten, was ich nutzen kann, um meine Arbeit zu nähren. Ich bin ein großer Fan von Tmblr und Instagram und ich finde es ist eine Chance für einen Künstler, Zugang zu so vielen Informationen zu haben. Mit der Werbung ist es genauso: Neulich habe ich mich von einem Werbeplakat für Beautyprodukte inspirieren lassen, das hat mich darauf gebracht, wie ich eine ganz simple Idee in einer Art umsetzten kann, an die ich noch gar nicht gedacht hatte.

Comment gères-tu la masse d’images à laquelle nous sommes confrontés tous les jours?

Cordet: Je trouve ça génial, c’est une source d’inspiration intarissable. J’essaie d’être comme une éponge ou plutôt comme une passoire, je laisse passer les choses insignifiantes pour moi, pour ne garder que ce qui est susceptible de nourrir mon travail et je l’imprègne dans mon cerveau. Je suis un grand fan de Tumblr et d’Instagram, je trouve que c’est une chance pour un artiste d’avoir accès à tant d’informations. Les publicités c’est pareil, l’autre fois encore je me suis inspiré d’une affiche publicitaire pour un produit de beauté, ça m’a permis d’explorer une idée toute bête à laquelle je n’avais pas encore pensé,ou très peu. Cette affiche m’a concrètement montré de quelle façon je pouvais exploiter cette notion.

Glaubst du, dass wir heute mehr denn je durch Bilder kommunizieren und es daher mittlerweile so etwas wie visuellen Analphabetismus gibt?
Cordet: Wir haben schon immer in Bildern kommuniziert, von den ersten Höhlenmalereien bis hin zum letzten Dior-Plakat. Seit ungefähr einem Jahrhundert hat die Werbung immer mit einem Bild des Produkts und einem einschlägigen Satz gearbeitet. Heute sieht man sogar Werbung, die nur aus dem Foto und dem Markennamen besteht, als Beweis dafür, dass Bilder sehr viel mehr sagen, als Worte. Mit den Menschen ist es genauso, schauen wir uns Models an, die nur für das Bild wertgeschätzt werden, dass sie abgeben. Wenn sie auch noch geistreich sind gut, aber danach sucht man bei ihnen nicht als Erstes. Es gibt da tausende Beispiele! Auf jeden Fall denke ich, dass wir sehr viel mehr in Bildern kommunizieren und es in den Jahrzehnten die folgen, auch noch sehr viel mehr machen werden.

Crois-tu que de nos jours nous communiquons plus par image qu’avant?
Cordet: On a toujours communiqué avec des images, depuis les peintures rupestres jusqu’à la dernière affiche de Dior. Depuis un siècle environ, la publicité est apparue avec pour principaux arguments une phrase accrocheuse et surtout la photo du produit. Maintenant on voit même des publicités avec juste une photo et le nom de la marque en petit, preuve que l’image en dit bien plus que les mots. C’est pareil pour les êtres humain, je vais prendre pour exemple les mannequins qui ne sont appréciées que pour leur image, après si elles ont de l’esprit c’est bien mais ce n’est pas ce que l’on recherche en premier chez elle. Ce n’est qu’un exemple parmi tant d’autre, on pourrait y passer la nuit, mais c’est indéniable que l’on communique plus par l’image qu’avant et que l’on communiquera encore plus comme cela dans les décennies qui suivront.

Deine Bilder wirken sehr sanft und gleichzeitig gefühlsstark – was bedeutet Melancholie für dich?
Cordet: Melancholie bedeutet, sich mit einer gewissen Traurigkeit an vergangene Momente zu erinnern, nicht weil sie unangenehm waren, sondern weil man diese Momente der Freude, um ihrer Unwiederbringlichkeit wegen bedauert. Sie sind für immer von der Zeit aufgefressen worden. Für mich ist das etwas Schreckliches, Die Zeit hat etwas Unkontrollierbares, etwas Mörderisches, das uns die Freude zerreißt und uns Momenten näher bringt, in denen wir freudlos werden. Es gibt natürlich auch Heilung, geben wir da nicht auf: Ich habe mir einen Panzer zugelegt, z.B. denke ich nicht mehr viel an Vergangenes und lasse die Melancholie mich nicht mehr verletzten. Ich schaue nach vorne und versuche noch weiter zu sehen, dabei lebe ich in meiner Zeit und versuche meine Traurigkeit nur in meiner Kunst Ausdruck finden zu lassen, wie bei einem Druckventil.

Tes toiles sont à la fois très douces et pleine d’émotion, qu’est ce que la mélancolie pour toi?
Cordet: La mélancolie c’est se rappeler des moments de vie passés avec tristesse, non pas parce que c’était des moments pénibles mais plutôt parce que l’on regrette ces instants de joie qui ne reviendront plus, qui sont définitivement mangé par le temps. Pour moi c’est affreux, le temps c’est quelques chose d’incontrôlable qui assassine, qui vous arrache les joies et vous rapproche du moment où vous en aurez plus. Il peut guérir aussi, ne lui jetons pas la pierre. Pour me protéger j’ai confectionné une carapace, je ne pense plus au passé ou du moins je ne laisse plus la mélancolie me faire de mal. Je regarde devant moi et essais de regarder plus loin encore, je vis dans mon temps et finalement je ne laisse apparaître ma tristesse que par le biais de mes peintures, comme une soupape de décompression.

Hat die Malerei an sich etwas Nostalgisches?
Cordet: Nicht unbedingt. Das hängt von der Person ab, die sie gemacht hat, ihrem Charakter und dem, was derjenige ausdrücken will. Es wird dann nostalgisch, wenn der Künstler gestorben ist, all seine Bilder der Vergangenheit angehören werden und keine Entwicklung mehr möglich ist.

Est-ce que pour toi la peinture est forcément synonyme de nostalgie?
Cordet: Pas forcement, ça dépend juste du caractère de celui qui l’a fait, de ce qu’il veut communiquer. Ca deviendra nostalgique lorsque l’artiste sera mort et que toute ses peintures appartiendront au passé, qu’aucune évolution ne sera plus possible.

Herr Voss, wie nehmen Sie die Art Fair in Zeiten der digitalen Bilderfluten wahr? Wie erleben Sie die verschiedenen Medien?
Voss: Die ART.FAIR ist ein Beispiel für eine Kunstmesse, die vorab nur minimal das Ausstellungsgut selektiert. Der Betrachter bekommt so auch Werke zu sehen, die er auf den großen internationalen Messen nicht zu Gesicht bekommt, was ich durchaus als positiv empfinde (wenngleich nicht alles Gold ist was glänzt.) Dass viele Bilder heute digital hergestellt werden, empfinde ich als vollkommen berechtigt und natürlich auch zeitgemäß. Es lassen sich so Bilder herstellen, die ansonsten nur als Malerei oder über die Collage entstehen könnten. Allerdings erscheint vieles sehr reißerisch und dekorativ, so dass sich ein künstlerischer Inhalt kaum erkennen lässt.

Was hat den Ausschlag zu ihrer Künstlerauswahl auf der Fair gegeben?
Voss: Messen wirken im Allgemeinen sehr unruhig. Die Werke unterschiedlicher Künstler sind im Zusammenspiel oft recht unharmonisch. Ich versuche auf relativ kleinem Raum künstlerische Positionen zusammenzubringen, die sich gegenseitig „leben lassen“, sich also nicht erschlagen. Darüber hinaus nutze ich auch nicht jeden Zentimeter der Messewände, sondern gestalte die Bilderhängung durchaus luftig.

Wie bewerten Sie im Gesamten das Publikum, die Interessenten die Käufer?
Voss: Das Publikum erscheint mir sehr aufgeschlossen, interessiert und dabei nicht unkritisch. Die Messe ist sehr gut besucht. Viele Kunstsammler haben auch die ART.FAIR mittlerweile fest im Terminkalender.

Welches Werk war ihr persönlicher Favorit?
Voss: Ein Portraitfoto der Künstlerin Jenny Boot in der Amsterdamer Galerie „The Public House of Art“.

Können Sie den Unterschied zwischen guter und schlechter Kunst erklären?
Voss: Auf jeden Fall finde ich die Frage an sich schon problematisch. Es gibt keine schlechte Kunst. Es gibt nur Kunst oder eben nicht. Kunst kann nicht in Kategorien wie schlecht und gut gedacht oder beurteilt werden. Ich denke, wirkliche Kunst kann uns etwas ganz Neues aufzeigen, ist wie eine Philosophie oder Komposition oder eine Art Filter oder Medium, das uns etwas Neues sehen oder verstehen lehrt, das wir brauchen zwischen uns und der Realität, um die Welt um uns herum zu verstehen, das uns in dieser Welt neue Welten eröffnet.

Die Galerie Voss eröffnet am Freitag, den 16. Oktober die Ausstellung „PerSe Das Portrait und der Akt als malerisch inszenierter Filmstill“ von Claudia Rogge. Die Ausstellung ist bis zum 21. November in der Galerie zu sehen.

Text: Teresa Schmidt-Meinecke
Fotos: Galerie Voss
© THE DORF 2015

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