Greta’s Schwester

Die Düsseldorfer Autorin Christine Weissenborn hat im Dezember 2016 gemeinsam mit ihrer Schwägerin, der Illustratorin Sarah Neuendorf das zauberhafte Kinderbuch Gretas Schwester veröffentlicht. Darin geht es um Freundschaft, Freiheit und Fernweh, über Mut und Entdeckergeist, über Wanderlust, Wiedersehen und das kunterbunte Glück Familie. Exklusiv Für THE DORF THE MAG haben die beiden Greta, den Wal und Anuk, das Inselmädchen nach Düsseldorf verfrachtet und erzählen, warum Greta im Rhein schwimmt. Und was der Karneval mit der Südsee zu tun hat.

Wie seid ihr auf die Idee gekommen, ein Kinderbuch zu machen? Das hat sich tatsächlich zufällig ergeben. Schon seit Jahren wollen wir zusammen arbeiten, da wir größte Begeisterung für unser gegenseitiges Schaffenswerk hegen. Letzten Sommer haben wir deshalb unseren gemeinsamen Blog Gretasfreunde.com gestartet. Weil wir Lust hatten, auf dieser Plattform etwas ganz Neues auszuprobieren, haben wir angefangen, die Geschichte rund um Gretas Schwester in digitalen Häppchen zu erzählen. Die Resonanz darauf war so gut, dass schnell klar war: das wird ein Buch. Außerdem funktioniert eine Fortsetzungsgeschichte auf einem Blog nur bedingt. Da die Leserzahl im Idealfall proportional zu der Kapitelanzahl steigt, müsste jeder neue Seitenbesucher irgendwann dutzende Einheiten zurückscrollen, um die Erzählung in Gänze zu überblicken. Macht natürlich keiner.

Um was geht es Euch in Eurer Geschichte vor allem? Wir wollen Kindern zeigen, dass es nichts Herrlicheres gibt, als die Welt zu entdecken. Dass wir groß und stark und einzigartig werden, wenn wir uns trauen, aufzubrechen, Abenteuer zu erleben, mit ungeplanten Situationen klarzukommen, uns in fremder Umgebung und mit fremden Dingen zurechtzufinden, Heimweh zu akzeptieren. Gerade vor dem aktuellen politischen Ruck in vielen Ländern, der uns Grenzen und Abschottung bringt, möchten wir schon den Allerjüngsten zeigen, dass die Welt zu weit und zu wunderbar ist, um sie in umzeunte Schollen zu unter teilen. Außerdem war es uns ein Anliegen, eine Geschichte abseitig der heilen Vater-Mutter-Kind Welt zu erzählen.

Anuks Mutter lässt ihre Familie im Stich, um sich selbst zu finden. äußerst egoistisch. Aber auch recht modern für eine Kinderbuchfigur. Meistens sind es in Kinderbüchern die Väter, die die Biege machen. Oder die Mutter stirbt. In unserer Version findet Anuk zwar am Ende ihre Mutter wieder – aber die hat inzwischen einen neuen Freund. Vater Schneller Fisch schaut in die Röhre. Kaputte Familie. Wir beschreiben, dass es trotzdem ein Happy End für alle und mit allen geben kann, solange über der ganzen Patchwork-Gemengelage eine einzige Überschrift steht: glückliches Kind.

Was hat Euch am Buchmachen besonders viel Spaß gemacht? Das hundertprozentige Abtauchen in Phantasiewelten. Zu sehen, wie sich Figuren entwickeln, auch wenn die Entwicklung anfangs ganz anders geplant war. Die große Begeisterung unserer Familien und Freunde für das Projekt. Ihre Selbstlosigkeit, jeden Entwurf und Charakter zu diskutieren. Die Bereitschaft sämtlicher Kinder in unserem Umfeld, die Geschichte immer und immer wieder vorgelesen zu bekommen.

 

Düsseldorf statt Heimweh

Warum Greta, der Wal, im Rhein schwimmt. Und was der Karneval mit der Südsee zu tun hat.

An diesem Morgen erschien Anuk, dem Inselmädchen, das Meer besonders weit. Das Wasser dehnte sich bis zum Horizont und verschmolz dort mit dem Himmel. Ab und an schoss ein fliegender Fisch aus den Wellen und schnappte ihr einen Frühstücksgruß zu. Auf der Spitze ihres Tipis hockte Uwe, die Möwe und reckte seine Flügel der aufgehenden Sonne entgegen. Greta, der Wal, döste zwischen den Wellenbergen. Anuk war das zeitige Aufstehen gewöhnt. Als sie noch in ihrem Wigwam am Ende der Welt wohnte, hatte ihr Vater Schneller Fisch jeden Morgen dafür gesorgt, dass die ersten Strahlen Anuk an der Nasenspitze erwischten. Kaum dass die Sonne durch die Wolken blinzelte, schob er den Eingangsvorhang ihres Zeltes am Strand zur Seite, um das Licht hereinzulassen. Dazu reichte er ihr eine Kokosnuss mit Bananamilchschaum und klatschte in die Hände. „Aufstehen Anuk, der Tag ist frisch. Wir sind es auch. Frühsport!“

Dann turnten Vater und Tochter über den Sand. Sie schlugen Purzelbäume, ließen Arme und Beine durch die Luft sausen und spielten so lange „Fang‘ die Feder“, biss einer von ihnen im Sand stolperte. Meistens lieferten sie sich als Abschluss noch eine heftige Kitzelschlacht. Anuk vermisste dieses Morgenglück. Heute besonders. Was Schneller Fisch wohl gerade tat? Würde er auch ohne sie Gymnastik im Sonnenlicht machen? Ob der Affenkönig, ihr bester Freund, ihm Gesellschaft leistete? Oder Häuptling Halber Hahn, der stets darauf achtete, dass seine Untertanen gut und gesund lebten. Anuk seufzte. Sie liebte es, mit Greta durch die weite Welt zu reisen. Aber an manchen Tagen knabberte das Heimweh an den Rändern ihres Herzens. Meistens munterte Greta sie dann schnell wieder auf, indem sie ihr Seemannslieder auf Walisch vorsang. Uwe, die Möwe, freier Reporter und inzwischen dauerhaft an Bord beheimatet, quakte dazu den Takt. Mitunter fielen andere Wale in den musikalischen Vortrag ein. Manchmal war es, als wollte das ganze Meer Anuk mit einem Unterwasserkonzert trösten.

Doch heute saß der Kummer zu tief drin im Bauch für einfachen Gesang. Er kniff und zerrte an Anuks Frohsinn wie ein übel gelaunter Pirat. Als wäre Greta von der Traurigkeit des Inselmädchens wach geworden, schaukelte sie plötzlich von einer Seite auf die andere, rollte mit den Flossen, stieß mit dem Kopf Löcher in die Wellen und schüttelte die Müdigkeit ins Wasser. „Anuk, guten Morgen kleine Schwester“, brummelte sie. Seit die beiden mit Hilfe des Affenkönigs und seiner Bande den bösen Bob Cash besiegt und Gretas Patenonkel Jonas aus den Fängen des Gauners befreit hatten, waren sie einander Schwestern. Eine Familie konnte gar nicht groß genug sein, fanden sie. Vor allem auf Reisen. Das merkte Anuk ganz besonders an diesem gemütstrüben Morgen. Sie war froh, nicht mutterseelenallein auf dem weiten Meer sondern kokusmilchschlürfend auf Gretas Rücken zu wippen. Sie vertraute darauf, dass ihre Reisebegleitung die Sehnsucht nach zu Hause mit einem Batzen Unternehmungslust rasch wieder verscheuchen würde. Es gab kein besseres Mittel gegen Heimweh. Und Greta enttäuschte Anuk nicht.

„Anuk, ich habe von einer Stadt geträumt, die an einem Wasser liegt, das breit genug ist, um hindurchzuschwimmen. Dort soll es Strände geben wie in der Südsee. Außerdem köstliche Eierkuchen, rund wie ein Fußball und gefüllt mit süßester Marmelade. Und das Beste ist: einmal im Jahr feiern alle Bewohner des Städtchens zusammen ein großes Fest. Sie verkleiden sich dann als Inselbewohner und springen über Tische und Bänke. Ganz wie daheim, wenn deine Stammesleute ihren berühmten Regentanz hüpfen. Was meinst Du, sollen wir von unserer Route abweichen und diesen Ort suchen? Auf Reisen braucht es Abenteuer und Spontanität.“

Anuk hatte genauso interessiert gelauscht wie Uwe, die Möwe. Schon kitzelte sie der Entdeckergeist im Nacken. Uwe, die Möwe kratzte sich mit der Flügelspitze im Gefieder und dachte angestrengt nach. „Ich glaube ich weiß, wie diese Stadt heißt“, sagte er nach einer Weile. „Greta, du hast von Düsseldorf geträumt. Das ist ein Ort direkt am Rhein. Hindurch rauscht ein gewaltiger Fluss, der gut mit dem Meer befreundet ist. Die sagenumwobene Stadt hat schneeweiße und silberne, runde Häuser. Außerdem viele Brücken und einen Turm, der bis in den Himmel ragt. Vor allem aber gibt es dort den Karneval. Das ist ein Fest, dass die ganze Welt froh machen soll. Ich habe einmal einen Artikel über die vielen Tiere geschrieben, die es auf diesem Karneval gibt. Löwen, Marienkäfer, Frösche, Bienen, Walfische, Vögel. Sie alle sind dann für ein paar Tage befreundet. Untereinander und mit den Menschen. Sie küssen und umarmen sich. Sie schunkeln und feiern. Es muss ein großes Spektakel sein. Der Weg dorthin ist sehr weit. Aber ich glaube, der Abstecher lohnt sich.“

Dieser Meinung war auch Anuk. Die Idee war gänzlich verrückt. Aber ein bisschen Spaß hin und wieder konnte nicht schaden. Und die schönsten Dinge unterwegs entdeckte man ohnehin abseits der Route. Soviel Reiseweisheit hatte auch das Inselmädchen inzwischen angehäuft. Nur wie sollten sie dorthin kommen, wo der Spaß zu Hause war? Wer würde ihnen den weiten Weg weisen können? „Wir brauchen den Affenkönig und sein Flugschiff“, rief Anuk. „Er kennt alle Ecken der Erden von seinen Weltreisen als junger Affe. Gesagt, getan. Die drei Freunde vibrierten vor Entdeckungslust. Also rief Anuk wieder einmal ihren Freund, den Affenkönig, und seine Mannschaft um Hilfe. Sie tat das, indem sie auf Walisch ein Lied anstieß, dass unter Wasser in windeseiliger stiller Post bis ans Ende der Welt getragen wurde. Auch der Affenkönig verstand die Sprache der Wale. Zudem verfügte er seit der Rettung von Walpatenonkel Jonas über ein aus den Tipiplanen der Insel zusammengenähtes Flugschiff, das mit Vulkanluft gefüllt schneller als jedes Flugzeug war. Anuk hoffte, dass ihr Freund Zeit und Abenteuerdurst genug besitzen würde, ihrem Transportwunsch zu folgen.

Der Tag dümpelte ereignislos vor sich hin. Kaum dass die Sonne sich hinter dem Horizont zum Schlafen abgelegt hatte, gingen auch Greta und Anuk und Uwe, die Möwe, ins Bett. Aufgeregt. Erwartungsvoll. Würde der Affenkönig kommen? Er kam. Kaum, dass der nächste Morgen graute, hörte Anuk das vertraute Sausen vor ihrem Zelt. Dann ein Platschen. Sie blinzelte aus ihrem Tipi. Im Wasser schaukelte eine Hängematte aus Stroh. Darin ein Haufen schlafender Affen. Das am Korb befestigte Tipi-Segel lag schlaff im Wasser. Niemand hätte vermutet, dass es Passagiere schneller als der Wind über das Meer befördern konnte. Der Affenkönig stand breitbeinig wie ein Kapitän vor seiner schnarchenden Mannschaft und rief, kaum dass er Anuks zerzauste Zöpfe sah: „Wo soll denn die Reise hingehen, Inselmädchen? Ich bin bereit für ein neues Abenteuer!“

Anuk erzählte dem Affenkönig von ihrem Plan, vom Heimweh und der Lust darauf, den neuen Ort am großen Fluß kennenzulernen. „Düsseldorf kenne ich“, rief der Affenkönig, nachdem das Inselmädchen geendet hatte. „Dort war ich schon einmal und habe eine verrückte Geschichte miterlebt, die euch gefallen wird. Steigt ein. Ich erzähle sie euch in der Luft.“ Anuk und Uwe, die Möwe, machten es sich im Strohkorb bequem. Die Affen waren inzwischen aus ihrem Reiseschlaf erwacht. Der Affenkönig wickelte ein dickes Tau um Gretas Flanken, um sie mit in die Höhe zu ziehen. Als alle reisefeste Plätze gefunden hatten, stieg auch der Affenkönig ein. Er schnalzte mit der Zunge und schon blies der Wind in seinen Ballon. Die Vulkanluft fing an, zwischen den Tipiplanen zu pulsieren. Das Gefährt erhob sich in den Himmel. Es wurde schneller und immer schneller. Bald schimmerte das Meer unter ihnen nur noch als ferne blaue Fläche und der Reisetrupp brauste durch die Luft.

Der Affenkönig hatte von daheim frische Pfannkuchen mitgebracht, außerdem vom Inselhäuptling mit den allerherzlichsten Grüßen und Küssen verbundene, selbstgerührte Mango-Marmelade. Anuks Vater hatte es ich nicht nehmen lassen, seinem Mädchen noch ein paar kluge Ratschläge für die weitere Reise übermitteln zu lassen: „Komm‘ bald wieder heim“, hieß der erste. „Denk‘ an den Frühsport“, ein weiterer. „Trink‘ genug heiße Kokosmilch, wenn die Nächte auf See frostig sind“, lautete ein dritter. Die anderen Anweisungen hatte der Affenkönig vergessen. Nachdem die Formalitäten überbracht und die Mägen gefüllt waren, erzählte er seine Geschichte.

Sie handelte vom weißen Wal, Moby Dick genannt, ein Beluga, vier Meter lang, der sich vor etlichen Jahren im Rhein verirrt hatte. Bestimmt war er eigentlich für ein englisches Ozeanarium. Doch auf dem Seeweg dorthin ging er über Bord und gelangte nach Duisburg, ein Städtchen neben Düsseldorf. Schiffer, die ihn dort erstmals sichteten und darüber die Polizei informierten, wurden zunächst für betrunken erklärt. Doch die Beweislage verdichtete sich. Bald war klar, dass im Rhein ein waschechter Wal schwamm. Zeitungen auf der ganzen Welt berichteten über den Besucher von weither. Belugas leben normalerweise vor den Küsten Alaskas, Kanadas und Russlands. Das Spektakel begeisterte jung und alt, krumm und gerade, dick und dünn. Leider rief Moby Dick aber auch Gauner wie Bob Cash auf den Plan, die am Ruhm des Meeresriesen verdienen wollten.

Der Zoodirektor des Duisburger Zoos etwa versuchte mit allen Mitteln, Moby Dick zu fangen. Vergeblich. Der Wal trickste und täuschte wie der Räuber Hotzenplotz. Stets tauchte er unter, wenn der Schurke sich näherte. Der Zoodirektor pfefferte seine Betäubungspfeile vergeblich in die Luft. Auch Fangaktionen mit Tennisnetzen blieben erfolglos. „Zuletzt wurde Moby Dick offiziell auf dem Weg zurück in die Nordsee gesichtet“, erzählte der Affenkönig. Da der Rhein damals noch sehr dreckig war, schimmerte er allerdings nicht mehr weiß sondern grau. Zum Glück habe er den Ausweg nach etwa vier Wochen heile und gesund gefunden. Sogar ein Karnevalslied sei dem prominenten Flussbesucher zu ehren gedichtet worden. Der Affenkönig holte tief Luft und fing an zu singen:

„Was will der weiße Wal im Rhein / Er hat gehört im Rhein soll Wein statt Wasser sein / Was will der weiße Wal? / Das wissen wir genau: / Der weiße Wal wär gern einmal / so richtig blau.“

Als er fertig war, klatschten die Affen Beifall. Doch der Affenkönig gebot Ihnen, ruhig zu sein. „Was kaum einer weiß“, fuhr er fort, „ist, dass Moby Dick nicht wieder in die Kälte geschwommen sondern in der Nordsee heimisch geworden ist. Ihm behagte das Ambiente dort besser. Weniger Schnupfen. Mehr Sonne. Wärmere Tauchgänge. Keine Kraken. Ich habe mir deshalb die Freiheit genommen, dem weißen Wal eine Botschaft zu schicken und ihn einzuladen, mit uns die Stadt Düsseldorf zu besuchen. Der Rhein ist inzwischen so sauber, dass darin ohne Gefahr geschwommen werden kann. Und Greta ein bisschen artengleiche Gesellschaft vertragen. Wie findest Du das, Greta“, brüllte er dem Wal zu, der unter dem Flugschiff baumelte. Greta schlug heftig mit den Flossen, um ihre Zustimmung zu signalisieren.

Und so kam es, dass den Besuchstrupp aus der Südsee bei der Landung ein walechtes Empfangskommitee erwartete. Als Greta und Anuk und die Affen bei Sonnenuntergang auf dem Rhein aufsetzten, planschte Moby Dick bereits zur Begrüßung im Wasser. Kaum dass der weiße Wal von dem geplanten Düsseldorf-Abenteuer der Freunde erfahren hatte, war er aufgebrochen, um bei dem Zirkus, für den die Stippvisite unweigerlich sorgen würde, dabei zu sein. Er hatte schließlich Erfahrung mit Walbesuchen dieser Art. Außerdem hatte Moby Dick dank Möwe Uwes Artikeln in diversen überregionalen Unterwassermedien wie Allgemeine Alge und Schnelle Welle schon einiges über Gretas und Anuks Abenteuer erfahren. Unbedingt wollte er die beiden kennenlernen.

In Windeseile verbreitete sich die Nachricht von den exotischen Ankömmlingen aber auch unter den Bewohnern des Städtchens. Es schwimme wieder Ozeanbesuch im Rhein. Diesmal seien es allerdings ein Beluga Wal UND ein Buckelwal. Mit einem Tipi auf dem Rücken und lauter Affen im Schlepptau. Ob denn jetzt die ganze Welt verrückt sei, fragte die Rheinische Postille per Eilmeldung auf ihrer Homepage“. „Nun drehen wir mal völlig frei – Köln, pack‘ ein“, schrieb wiederum der Westfälische Nussknacker. Am nächsten kam der Wahrheit der lokale Blog Stadt, Land, Dorf, der schlicht und einfach feststellte: „Juchuhhh, Karneval im Sommer.“

Denn da die Düsseldorfer keine Gelegenheit auslassen, froh zu sein und das Leben zu feiern, hatte sich bald an allen Stränden entlang des Rheins eine große Menge an Menschen versammelt. Sie machten Lagerfeuer unter dem Sternenhimmel. Sie hörten Musik. Sie tanzten ausgelassen mit blanken Füßen im Sand. Sie schleppten Holztische an, die sich unter der Last der Leckereien bogen. Es gab bergeweise jene mit Marmelade gefüllten Pfannkuchen, von denen Greta geträumt hatte. Dazu futterten die Menschen aus Düsseldorf Mutzen, karnevalstypisches Gebäck, dass die großen Bäckereien der Stadt rasch in die Öfen geschoben hatten und an diesem besonderen Abend kostenlos verschenkten. Es gab köstliche Limonaden und Altbier. Anuk probierte das schwarze Gesöff aus Versehen und spuckte es in hohem Bogen wieder in den Rhein. Nicht alle neuen Geschmäcker auf Reisen sagten ihr zu.

Vor allem aber waren die Düsseldorfer so fröhlich wie die Inselbewohner daheim. Anuks Herz hüpfte beim Anblick der vielen lachenden Gesichter. „An Land mit dir, Inselmädchen“, blubberte Greta. „Auf ins Getümmel. Heute Nacht wird das Leben gefeiert.“ Das ließ Anuk sich nicht zweimal sagen. Die Affen zögerten auch nicht lange. Als hätten Sie den Landgang von langer Hand geplant, packten sie plötzlich Paddel aus und ruderten mit dem Strohkorb, der eben noch durch die Luft gerast war, ans Ufer. Greta und Moby Dick schickten derweil ein Fontänenfeuerwerk in den Nachthimmel und tanzten im Wasser einen Mondscheinwalzer. Noch nie hatte Anuk eine solche Feier erlebt. Sie sang und tanzte und trank und aß mit all‘ den Fremden, die für den Moment ihre Freunde waren, bis der Morgen wieder graute. Als die Sonne über den Wolkenrand schmulte, sank ein Düsseldorfer nach dem anderen in den Sand und ins Traumland. Greta winkte Anuk und den Affen vom Wasser aus zu. Es wurde Zeit, wieder an Bord zu gehen.

Die Affen konnten sich vor Müdigkeit kaum noch aufrecht halten. Die Paddel rutschten Ihnen ständig aus der Hand. Auch Anuk bekam kaum noch mit, wie der Affenkönig das Flugschiff klarmachte für die Weiterreise. Wieder blies der Wind. Wieder wirbelte die Vulkanluft. Durch schwere Lieder sahen die Freunde, wie Greta und Moby Dick sich ein letztes Mal Fontänen in Herzchenform zuschossen (wie beim Karneval so üblich waren sie sich nach einer gemeinsam durchtanzten Nacht ein bisschen näher gekommen). Und als der Reisetrupp abhob und eine letzte Runde über die im Morgenlicht schimmernden, runden Häuser in weiß sowie silber drehte und knapp an der Spitze des in den Himmel ragenden Turmes vorbeisauste, schliefen Anuk und die Affen längst tief und fest.

In Düsseldorf herrschte am nächsten Tag große Verwirrung. Was war bloß losgewesen in der Nacht. Was hatte den Karneval im Sommer gebracht. War das wirklich alles passiert und kein Streich der benachbarten Kölner? Ähnlich erging es Anuk. Als sie aufwachte, brannte bereits die Mittagssonne vom Himmel. Sie lag in ihrem Tipi auf dem Rücken von Greta. Der Wal schwamm dem Horizont entgegen. Uwe, die Möwe, saß auf der Zeltspitze und putzte sein Gefieder, in dem noch ein wenig Konfetti glitzerte. Von den Affen und dem Flugschiff war weit und breit nichts zu sehen. „Habe ich mir das alles nur ausgedacht“, fragte Anuk ihre Mitreisenden, während sie eine Schale mit Kokusmilch trank, um die Müdigkeit zu vertreiben.

„Weißt Du, Inselmädchen“, sagte Greta, „auf Reisen passieren einem mitunter so unglaubliche Dinge, dass man hinterher oft nicht mehr zu sagen vermag, ob sie wirklich geschehen sind oder nicht. Doch es gibt nichts Kostbares als die lebenslange Erinnerung an das Ereignis. Kein Goldkoffer wiegt schwerer. Du bist reich geworden heute Nacht, Anuk. Und an Heimweh ärmer. Karneval in Düsseldorf wirst Du mit Sicherheit nie mehr vergessen.“ Da hatte Greta aber verflucht recht“, dachte Anuk, deren Zehen immer noch im Takt der Karnevalslieder zuckten. Und sie freute sich schon aufs nächste Abenteuer.

 

Gretas Schwester
ist Mitte Dezember 2016 erschienen.
ISBN: 978-3-00-055086-7, Verkaufspreis 29,00 €
Idee & Text: Christine Weißenborn
Idee & Illustration: Sarah Neuendorf

www.gretasfreunde.com & www.gretasschwester.com

Christine Weissenborn wurde 1980 in Berlin geboren, studierte Sprachen, Wirtschafts- und Kulturraumstudien in Passau und lebt mit ihrer Familie in Düsseldorf. Sie ist seit Jahren erfolgreich als Autorin, Redakteurin und Kolumnistin tätig, unter anderem für das Handelsblatt, die Wirtschaftswoche, Die Zeit oder das ZDF. Längere Auslandsstationen in Paris, New York City und Chile haben ihr chronisches Fernweh eingebrockt. Mit Mann und Maus ist sie deshalb mehrere Monate im Camper durch Neuseeland, Australien und einmal quer durch die USA getourt. Über das Glück, die Welt zu entdecken, schreibt sie zusammen mit ihrer Schwägerin Sarah Neuendorf im Blog Gretasfreunde.com.

Sarah Neuendorf ist 1989 in Berlin geboren, wo sie lebt und als freiberufliche Illustratorin arbeitet. Sie ist ausgebildete Grafikdesignerin und Liebhaberin von Kakteen. Nach diesen sucht sie überall auf dem Planeten, am liebsten aber im Wilden Westen. Darüber hinaus interessiert sie sich schon lange für die Wunder der Welt unter Wasser, insbesondere den Lebensraum der Wale. In ihrer Abschlussarbeit am Lette Verein Berlin illustrierte sie den naturwissenschaftlichen Roman „Der Schwarm“ von Frank Schätzing. Auf Basis dieser Arbeit entstanden ihr Label „Gretas Schwester“ und die Figuren Greta und Anuk, von denen dieses Buch handelt.

Text: Christine Weissenborn
Illustration: Sarah Neuendorf
© THE DORF 2017