Ilona Marx

Name: Ilona Marx
Alter: 47 Jahre
Beruf: Chefredakteurin J’N’C Magazin

Geburtsort: Reutlingen
Wohnort: Düsseldorf-Friedrichstadt
Webseite: www.ilonamarx.de

Die Mode ist ihre Liebe, die Welt ihr Zuhause: Ilona Marx mag es vielseitig, farbenfroh, international. Dass sie ihren ausgeprägten Hang zur Weltenbummlerei auch beruflich ausleben kann, ist für die Chefredakteurin des J’N’C Magazins ein Glücksfall. Ein Interview hier, ein Modeshooting dort – Ilona Marx ist immer unterwegs. Fast immer: THE DORF trifft sie in ihren heimischen vier Wänden in Friedrichstadt und spricht mit ihr über Düsseldorf – und die Welt.

Du wurdest in Reutlingen geboren. Was hat dich nach Düsseldorf verschlagen?
Es war die Liebe – und zwar die zur Mode. Obwohl auch Reutlingen eine Stadt mit Textiltradition ist, entschied ich mich nach meiner Schneiderlehre für Mönchengladbach. Die dortige FH Niederrhein hatte für meinen Wunschstudiengang, Bekleidungstechnik mit Schwerpunkt Gestaltung, den besten Ruf. Nach Düsseldorf bin ich während meines nachfolgenden Volontariats gezogen. Ich stand damals vor der Entscheidung, entweder hierher oder nach Köln zu ziehen – und fand Düsseldorf irgendwie netter.

Du lebst mittlerweile 20 Jahre in Düsseldorf. Was macht die Stadt für dich besonders?
Oh, da gibt es vieles. Ich finde, Düsseldorf hat die perfekte Größe. Man trifft immer wieder auf bekannte Gesichter. Das gibt mir ein Gefühl von Heimat. Zudem mag ich die Facetten, die die Stadt hat. Hinter dem Bahnhof beim Marokkaner Fisch zu kaufen, in die etwas roughe Welt dort einzutauchen und danach die Kö langzuradeln, an röhrenden Lamborghinis vorbei. Ich mag diese Kontraste. Wirklich besonders finde ich das Kunstangebot. In der Konzentration gibt es das nirgendwo in Deutschland. Die fünf großen Museen hier und die Kunstakademie, dazu die Julia Stoschek Collection – da sind wir wirklich verwöhnt. Und nicht zu vergessen: der Rhein. Ich glaube, es gibt keine Großstadt in Deutschland, die enger mit dem Fluss lebt als Düsseldorf.

Und was fehlt hier aus deiner Sicht?
Ich vermisse Restaurants mit schönen Außenterrassen. Bei gutem Wetter ist da immer die gleiche Frage: Wo könnte man jetzt schön draußen essen? Diese Frage kann ich leider nie so richtig befriedigend beantworten.

Du bist gelernte Bekleidungsingenieurin und als Journalistin in der Modebranche tätig. Was bedeutet Mode für dich? Welchen Stellenwert hat sie? Ich war schon im Kindergarten modeverrückt. Ich erinnere mich daran, wie ich als Vierjährige im Morgengrauen vor dem Kindergarten stand. Nur um das schönste Kleid, ein weißes 50er-Jahre-Kleid mit Petticoat, zu ergattern – und es den ganzen Tag nicht mehr auszuziehen. Meine Begeisterung für Materialien, Farben und gute Verarbeitung ist seither ungebrochen. Für mich persönlich ist Mode Ausdruck von Lebensfreude. Zu sagen, sie sei ein Kulturgut, ist in Deutschland ja immer noch verpönt. Da haben die Franzosen und Italiener ein weit kultivierteres Modeverständnis. Da ich mich auch für geschichtliche und soziologische Aspekte der Mode interessiere, fühle ich mich in Frankreich und Italien in dieser Beziehung besser aufgehoben.

Wer ist dein liebster Designer und warum?
Sowohl in Einrichtungs- als auch in Modefragen lege ich mich ungern auf eine Marke oder Kollektion fest, sondern picke mir lieber ein paar Rosinen aus dem Kuchen. Haider Ackermann macht tolle, fast bodenlange Mäntel, Dries Van Noten schönen Intarsienstrick, Isabel Marant liebe ich für ihre aufwändig bestickten Ethnoteile, A.F. Vandevorst für ihre selbstverständlichen Boots, Martin Margiela für seine wunderschönen Taschen. Du siehst: Es sind Belgier und Franzosen, die mich am meisten begeistern.

Ganz salopp gefragt: Was hast du zuletzt geshoppt? Eine Trekkinghose für unsere Hüttenwanderung in den Dolomiten. Davor einen blauen schulterfreien Overall von Galvan.

Als Chefredakteurin der J’N’C bist du redaktionell über die hiesigen Stadtgrenzen hinaus unterwegs. Welches war der inspirierendste Ort, an den es dich verschlagen hat? Ich bin auf Reisen sehr leicht entflammbar und verliebe mich oft in die Orte, die ich bereise. Architektonisch gesehen fand ich São Paulo sehr inspirierend. Die Art, wie dort das Drinnen mit dem Draußen verschmilzt, Räume, die zum Garten hin offen sind, die großzügig angelegten Grundrisse. Ich habe dort die Architektur von Isay Weinfeld entdeckt – für mich der genialste Architekt überhaupt. Auch Los Angeles hat mich in einem Maß begeistert, wie es mich selbst überrascht hat. Dank der großen Kaufkraft in der Stadt halten sich dort sehr spezielle Läden mit tollen Konzepten – und das in großer Dichte. Von solch schönen Läden gibt es in europäischen Städten meist nur ein oder zwei. Das Gleiche gilt auch für Restaurants. Mein Favorit in L.A. ist das Gracias Madre, ein veganer Mexikaner. Und es gibt sehr hübsche kleine Häuser mit Sukkulentengärten, in die ich sofort einziehen würde.

Deine Top-3-Fashion-Stores weltweit? Auch hier wieder L.A., auch wenn man die Stadt gemeinhin eher mit Bling Bling verbindet: Die Inhaber des Mohawk General Stores haben eine gute Spürnase für Newcomer-Marken, die du auf dem europäischen Markt kaum findest. Bei Merci in Paris kann ich ebenfalls problemlos ein paar Stunden untertauchen. Hier gibt es viele meiner favorisierten europäischen Kollektionen, schönes Geschirr, tolle Heimtextilien, sehr leckeres Essen. Was will man mehr? Bei Nitty Gritty in Stockholm finde ich zeitlose Lieblingsstücke. Die tollsten Vintage-Design-Schätze aus den 70ern und 80ern schlummern meiner Meinung nach in den Secondhand-Läden in Mailand und Florenz.

Wie siehst du die Stadt Düsseldorf: Modehauptstadt oder verblasster Schein? Wenn ich in Düsseldorf unterwegs bin, freue ich mich über jeden Menschen, der etwas ausgefallener gekleidet ist. Als eine deutsche Hauptstadt der Mode würde ich Düsseldorf daher eher nicht bezeichnen. Die gibt es meiner Meinung nach aber auch nicht, da steht uns der deutsche Pragmatismus zu sehr im Weg. Wenn man Berlin außerhalb der Fashion Week betrachtet und die jungen Touristen aus aller Welt außen vor lässt, ergibt sich ein ähnliches Straßenbild. Verblasster Schein würde ich aber auch nicht sagen. Als Dreh- und Angelpunkt der Modebranche hat Düsseldorf nach wie vor ein gutes Standing.

Welcher Stil prägt deine Wohnung? Viele meiner Einrichtungsgegenstände stammen aus Kopenhagen und Stockholm, manches aus Amsterdam und Antwerpen. Und dann gibt es noch einiges, das ich hier in Düsseldorf auf dem Flohmarkt gefunden habe, darunter vor allem Möbel aus den 60ern. Ich liebe einfach die Qualität, die viele Einrichtungsgegenstände nach der Wirtschaftswunderzeit hatten. Die Materialien, Oberflächen und Designs empfinde ich als zeitlos schön. Das hat im Übrigen nicht automatisch mit großen Namen zu tun. Sich nur mit Designklassikern zu umgeben, erscheint mir recht langweilig.

Das absolute Herzstück? Der große schwere Eichentisch, den ich auf einem Flohmarkt in Tongeren gekauft habe. Er hat zwar inzwischen Flecken und Risse, ist aber in seiner Schlichtheit und rustikalen Verarbeitung mein All-Time-Favorite.

Dein „Zuhause“ fern vom Zuhause: Wo ist das für dich? Ich bin in den letzten Jahren so oft wie möglich nach Barcelona gereist. Manchmal war ich wochenlang dort, insgesamt so lang und oft wie in keiner anderen Stadt. Ich fühle mich dort wirklich in bisschen zu Hause, weil ich bereits so viele Erinnerungen mit Barcelona verbinde. Sobald ich am Flughafen ankomme, verspüre ich eine Leichtigkeit, die mich durch die Stadt begleitet. Eine ähnliche Wirkung hat Formentera auf mich, genauer gesagt: der Mitjorn-Strand. Dorthin fahre ich mindestens einmal im Jahr zum Abschalten.

Als Journalistin führst du oft selbst Interviews. Welches Gespräch ist dir am stärksten in Erinnerung geblieben? Das Interview mit einem alten iranischen Bio-Rosenölproduzenten, das sich über mehrere Tage hinzog. Der Mann, der aus einer angesehenen iranischen Familie stammte und inzwischen leider verstorben ist, hat Zeit seines Lebens seine hehren bildungspolitischen und ökologischen Prinzipien verteidigt. Dafür saß er unter Ayatollah Khomeini fünf Jahre als Regimegegner in Isolationshaft. Nach seiner Freilassung hat er nicht nur organisches Rosenöl produziert, sondern auch ein Dorf im iranischen Hochland gegründet, das nach Rudolf-Steiner-Prinzipien wirtschaftet. Er hat Schulen eröffnet, in denen Mädchen zusammen mit Jungen unterrichtet wurden, einen Kindergarten für autistische Kinder ins Leben gerufen. Und er hat zwei Waisenhäuser betrieben, in denen Kinder von Erdbeben- und Drogenkriegsopfern betreut wurden. Was er mir über sich erzählt hat, hätte für ein ganzes Buch gereicht. Ob er von seinem ersten Leben als Perlenhändler oder seinem zweiten, später unter dem Schah, als Buchverleger berichtete, oder aber von seinem Treffen mit Präsident Nixon – dieser Mann hatte eine abenteuerliche Vita und wird mir immer in Erinnerung bleiben.

Und welches Gespräch würdest du gerne noch führen? Ein Klassiker steht ganz oben auf meiner Liste: Karl Lagerfeld. Auch wenn er bestimmt kein einfacher Gesprächspartner wäre. Ich würde das Feuerwerk aus Bonmots und Geistesblitzen gerne selbst einmal mit anfachen.

MORGENS

Guten Morgen – wo trinkst du morgens Deinen Espresso in der Stadt, um wach zu werden? Ich trinke Tee – am liebsten in der Morgensonne auf dem Balkon.

Zum Sonntags-Brunch und ausgedehnten Frühstück trifft man dich… Mein Freund macht sonntags immer ein großes Frühstück mit allen Schikanen. Das ist schwer zu überbieten.

MITTAGS

Lecker, gesund und frisch lunchen gehst du in Düsseldorf… Im Laura’s Deli und im Sattgrün.

NACHMITTAGS

Deine Lieblingsroute zum Spazierengehen, Schlendern, Kopf-Frei-Kriegen: Alle Wege durch den Volksgarten. Ob Magnolienblüte oder Novemberniesel – der Park ist bei jedem Wetter schön.

Drei Plätze in Düsseldorf, die du deinen Gästen unbedingt zeigen musst: Rheinauen, Julia Stoschek Collection, Schauspiel- und Dreischeibenhaus.

Zum Kaffeeklatsch mit Küchlein & Co. trifft man dich hier: Café Leopold im Winter, Eiscafé Belluno im Sommer.

ABENDS

Wo verbringst du am allerliebsten einen gemütlichen Abend mit Freunden oder der Familie? Zu Hause.

Welches Restaurant repräsentiert für dich am meisten den typisch-charakteristischen Geschmack von Düsseldorf? Das Hülsmann.

Ein Restaurant, wo du immer mal hinwolltest, aber noch nie warst: Im Schiffchen.

Dein absoluter Gastro-Geheimtipp-Lieblings-Spot, den du hier mit allen teilen möchtest? Das Sumi.

NACHTS

Deine Lieblingsbar oder Dein Lieblingsbartender sind: Das Ellington – dort gibt es den besten Moscow Mule.

Eine ganz besondere, erinnerungswürdige Nacht in Düsseldorf hast du wo verbracht? Im Salon des Amateurs – und früher im Unique.

Dance the night away! Getanzt wird hier: In der Datscha.

IMMER

Wo und wann fühlst du dich wie ein „richtiger Düsseldorfer“? Bei Hinkel.

Was vermisst du an der Stadt, wenn du nicht in Düsseldorf bist? Den Apfelstand auf dem Friedensplätzchen.

Könnte man Düsseldorf essen, schmeckt es nach… Austern und Alt.

Was liebst du am meisten an Düsseldorf? Den weiten Blick am Rhein.

Was hasst du am meisten an Düsseldorf? Die Oststraße und die Corneliusstraße.

Gibt es Plätze oder Orte in der Stadt, die dich in deinem Job inspirieren? Der Flohmarkt am P1.

STIL

Wo suchst & findest Du Möbel für Deine Wohnung? Auf der Designbörse, auf Flohmärkten und auf Reisen.

Deine Top 3 Shopping-Adressen in Düsseldorf? Moritz Wenz Studio, ELA und 69m².

Gibt es (einen) Düsseldorfer Designer oder Künstler, den du besonders schätzt und wenn ja, warum? Philipp Maiburg und Hamed Shahi, die mit dem Open Source und dem New Fall Festival für die schönsten Konzerterlebnisse in Düsseldorf sorgen.

Der beste Ort, um Leute zu beobachten? Das Fortunabüdchen.

Nach welchen Regeln stylst du dich? Was geht gut und was geht gar nicht? Designer-Vintage-Stücke aus den 70ern und 80ern haben es mir am meisten angetan.

Gar nicht geht: Modeopfer im Einheitslook.

Beschreibe den typischen Düsseldorfer-Stil in drei Worten: Chinos, Karohemd, Steppjacke.

ALLGEMEIN

Was ist dein Lieblingsessen? Alles, was in Kokosmilch schwimmt.

Wo oder wobei kannst du am besten entspannen? Beim Laufen im Park und Schlafen im Spa.

Dein Lieblingsreiseziel ist? Da kann ich mich unmöglich festlegen. Thailand, Uruguay, Kalifornien, Formentera. Und die Alpen.

Welches Buch liegt aktuell auf dem Nachtisch? Julie Zeh „Unter Leuten“

Welchen Kinofilm hast du zuletzt gesehen? „A Bigger Splash“

Dein All-Time-Favorite-Movie? Woody Allens „Manhattan“

Aktuell läuft auf deiner Playlist/deinem Plattenspieler? Sufjan Stevens „Come On Feel the Illinoise“ und „Electric Warrior“ von T. Rex

Dein All-Time-Favorite-Song? „Space Oddity“ von David Bowie

Für welchen Verein schlägt dein Herz? Rot-Weiß-Blutgretchen

Vielen Dank!

Interview: Vanja Janjic/Tina Husemann
Fotos: Maria Gibert
© THE DORF 2016