Alain Bieber

Name: Alain Bieber
Alter: 38 Jahre
Beruf: Künstlerischer Direktor
Gelernter Beruf: Journalist & Kulturmanager

Geburtsort: Wesel
Stadtteil: Düsseltal
Webseite: www.nrw-forum.de

Alain Bieber ist künstlerischer Leiter des NRW-Forums Düsseldorf, Gründer von REBEL:ART und zweifacher Familienvater. Ein Tag mit ihm fühlt sich an wie eine Woche auf einem Festival, voll gepackt mit Informationen, Ideen, Statements, Anekdoten und Witz. Wir treffen uns im Lager des NRW-Forums und entdecken von dort aus gemeinsam alle Winkel des Ausstellungshauses. Mit THE DORF zieht er nach seinem ersten Jahr als Leiter des NRW-Forums Bilanz und schaut dabei voraus, auf die nächsten Jahre. Wir treffen ihn persönlich inmitten aufbauender Zeiten.

Bilanz ziehen heißt in die Zukunft schauen

Über das Journalistendasein beim ART Magazin in Hamburg und die Zeit als Chefredakteur bei ARTE Creative in Straßburg von 2010 bis 2015, führt der Weg Alain Bieber im April 2015 nach Düsseldorf ins NRW Forum, wo er seit dem erfolgreich die Kunstszene aufmischt. Höchste Zeit für eine erste Zwischenbilanz. Und ein erstes Statement: „Es war eine verdammt geile Zeit! Ich betrachte das NRW Forum als Gesamtkunstwerk“, fasst Bieber zusammen.

Ein Gesamtkunstwerk füllt allerdings auch ständig die lange To-Do-Liste des Kurators und nicht alles folgt seinem Tempo. Das Gebäude gehört der Stadt und ist denkmalgeschützt. „Das heißt, die Entscheidungen, die getroffen werden, gelten für die nächsten Jahre und müssen kreativ mit gewissen Vorgaben umgehen.“ Biebers Präsenz und Gestaltungskraft sind dabei für einen Ausstellungsraum dieser Dimension herausragend. Sein Team ist klein und macht trotzdem nicht vor großen Ausstellungsprojekten halt. Seinen Fünfjahresvertrag will er nutzen, um in Düsseldorf einen lebendigen Raum für zeitgenössische Kultur zu schaffen.

Gesamtkunstwerke, die Schnelligkeit und mehr Visionen für Düsseldorf
Obwohl Düsseldorf nicht dem Vergleich mit anderen Großstädten standhalten muss, gilt es für Alain Bieber, die Leute in neue Entwicklungen mitzunehmen und gerade das Ungewohnte zu zeigen. Er setzt auf Vermittlung und darauf, Barrieren und Ängste abzubauen. Angesprochen auf seine subversive Ader gibt er sich konfrontativ und direkt: „Ich habe keine Angst mehr und das befreit nicht nur bei der Arbeit, sondern im Leben generell. Ich habe keine Angst vor dem Tod, ich habe keine Angst zu scheitern, ich habe keine Angst Fehler zu machen. Es gibt Situationen im Leben da hat man echt Angst und wenn man mal über diesen Berg hinüber ist, dann schockt einen nichts mehr.“

Es geht ihm darum, Freiheiten auszubauen und Grenzen auszuloten. „Die kann man immer weiter pushen, als man denkt. Gerade kulturelle Orte sind ein Raum für Diskurs. Wir wollen ein Haus sein für avantgardistische Positionen. Es geht darum, die relevanten Fragen zu stellen und Ausstellungen zu machen, die die Leute auch begeistern. Die müssen aber auch nicht alles gut finden. Wenn etwas polarisiert, finde ich das auch gut, aber es soll nicht nur ein elitärer kleiner Kreis sein“.

Ob Selfies, Katzenvideos oder das Festival for Games: Das NRW-Forum nutzt die Tatsache, nicht durch dicke finanzielle Polster gesegnet zu sein, positiv und reagiert schnell auf neue Entwicklungen und Themen. „Ich war in vielen Strukturen, in denen Schnelligkeit kein Thema war. Ich bin gewohnt, Dinge beschleunigen zu müssen.“ Mit seinen interaktiven, unkonventionellen Formaten, die mit dem Live-Ideen Magazin 1Up begannen und über das Internetstadl heute zu Coding Workshops für Kinder führen, versteht Bieber es, Menschen, in Kulturräume einzuladen, die am Puls der Zeit von einem Kunstraum höchste Aktualität erwarten. Ein Virtual Reality Raum wird daher sein nächster Coup.

„Ob in der Netzkultur oder Medienkunst, da wollen wir die ersten sein!“

Er geht damit bewusst eine Art dritten Weg und lässt Kultur Teil der Unterhaltungsbranche sein. Damit beschreitet er mutig den schmalen Grad zwischen Kunst und Kommerz. Der Visionär mit dem „Head in the clouds, feet on the ground“-Prinzip, strahlt Lockerheit und Zuversicht aus und wirkt dabei nahbar – eine Besonderheit im Kunstbetrieb. Als Vater von zwei Kindern kümmert er sich auch um familienfreundlichen Kunstgenuss.

Offen erzählt er uns vom Stress beim Aufbau neuer Ausstellungen und besonders vor Eröffnungen, durch den ihn sein eigener Optimismus trägt: „Wir werden das hinkriegen! Ich freue mich auf die Eröffnung, aber gegen Ende bin ich meistens so erledigt, dass ich nicht mehr so richtig in Feiermodus komme. Und es gehört ja immer auch Socialising und Shake-Hands dazu und das ist nicht wahnsinnig entspannend. Die Umbauzeiten sind extrem knapp, dann muss alles stehen.“

Mindestens drei Ausstellungen laden gleichzeitig zum Besuch ins NRW-Forum und Mobilität darf kein Problem darstellen. So hat Bieber zur letzten Nacht der Museen eine Free-Bikes-Aktion unterstützt, die die Düsseldorfer mit einem fahrbaren Untersatz versorgt und zwischen verschiedenen Kunststätten umhercruisen lässt. Aktuell begegnen sich Peter Lindbergh und Garry Winogrand fotografisch mit ihren Interpretationen von „Women on street“, Thomas Mailaender gibt Trash Fotografie in seinem „Fun Archive“ einen ernstzunehmenden Platz und kontroverses Auftreten und „In Transit“ widmet sich digitaler Medienkunst aus Malta. Die kuratorische Mischung hat bei allem auch eine herrlich persönliche Note und eine charmante Unperfektheit, die im NRW-Forum Atmosphäre schaffen. Die schreibt Bieber seiner Zeit in Frankreich zu: „Manchmal muss man sagen, 98% reicht auch, so bin ich wahrscheinlich in Frankreich geworden, obwohl ich eigentlich total perfektionistisch bin.“

Düsseldorf und der Kulturentwicklungsplan
Mit den eigenen Projekten nicht genug beschäftigt, meldet Alain Bieber sich auch in aktuellen kulturpolitischen Diskussionen der Stadt zu Wort. Dort bringt er mit seiner frischen, unkonventionellen Art die Gespräche in Gang und lockt Ideen aus den Teilnehmern, die zur Mitsprache am Kulturentwicklungsplan geladen wurden. (Im November 2016 fand der 3. und finale große Kulturworkshop im NRW-Forum statt.)

„Der KEP (Kulturentwicklungsplan) ist super, weil viele Sachen in Gang kommen, die brach lagen. Da gab es verschiedene Workshops und Meetings, bei denen man viele Kollegen trifft und spannende Ideen entwickelt werden.“ Als externer Projektleiter des KEP schätzt Dr. Patrick Föhl eine Bieber-Persönlichkeit in der Stadt: „Er hat es geschafft Kommerz und Kultur zusammenzubringen. In einer gesättigten Gesellschaft in Düsseldorf braucht man den Mut auch mal auffällig zu sein und wieder Utopien zu schaffen.“

Dafür eignet sich das Forum als Ort für Diskussion und transkulturelle Aktion. Ein Haus zwischen Underground und Trend, zwischen Subversivem und Populärem. Die Berührung mit Netzkultur ist da und entgegen aller Vorwürfe der Eventisierung des Kulturbetriebes setzt Bieber auf ein reiches Begleitprogramm zu den Ausstellungen, das über den Unterhaltungswert hinaus auch einen Bildungsauftrag erfüllt oder neben dem Geist auch den Körper fit hält. Geladen wird beispielsweise jeden Donnerstag zum Digital Detox mit Yoga.

Ausblick
Aktuell arbeitet Alain Bieber daran, seine Visionen dingfest zu machen. „Es geht um weitere Alleinstellungsmerkmale“. Der neue Museumsshop „Soda Books“ bietet analog zu den Ausstellungsprojekten Bücher, die es sonst nirgendwo zu kaufen gibt, die neuen Workshops speziell für Kinder fördern einen intuitiven Zugang zum Digitalen und in der neuen 250 Quadratmeter großen Virtual-Reality-Lounge im Obergeschoss können Besucher sich mit VR-Brillen bewaffnen und frei durch virtuelle Räume bewegen. Langsam ist es auch schon Zeit, sich für den Mythos Tour de France warmzumachen, um mit der Ausstellungseröffnung das Großereignis rund ums Fahrrad in Düsseldorf einzuleiten. Vielleicht ja auch mit einem Free Bike? Das NRW-Forum mit dem Bieber ist ständige Bewegung – genießt die frische Brise.

MORGENS

Guten Morgen – wo trinkst du morgens Deinen Espresso in der Stadt, um wach zu werden? Den ersten Espresso trinke ich noch zu Hause beim gemeinsamen Frühstück mit der Familie.

Zum Sonntags-Brunch und ausgedehnten Frühstück trifft man dich… Die Zeit für Brunch und ausgedehnte Frühstücke sind mit zwei kleinen Kinder leider vorbei, auch Sonnstags frühstücke ich im trauten Kreis der Familie… Aber in Zukunft hoffentlich auch öfters im NRW-Forum: Da wollen wir nämlich bald Brunch + Ausstellungsbesuch anbieten…

Den besten Kaffee gibt es… den besten Kaffee, den ich hier bisher getrunken habe, gibt’s bei „Die Kaffee“ in der Schwerinstr. 23

MITTAGS

Lecker, gesund und frisch lunchen gehst du in Düsseldorf… Voll erwischt. Ich bin leider nicht so der Typ für gesundes und frisches Mittagessen; meist bin ich viel zu sehr im Stress, dass es meist nur für nen Happen z.B. beim Fortuna Büdchen reicht, ist halt auch direkt um die Ecke. Manchmal gehe ich für einen Snack in die Nordstraße; und unbedingt ausprobieren möchte ich: Hector & Tilda, in der Klosterstraße 29; sieht sehr lecker aus

NACHMITTAGS

Deine Lieblingsroute zum Spazierengehen, Schlendern, Kopf-Frei-Kriegen: Einfach am Rhein entlang.

Drei Plätze in Düsseldorf, die du deinen Gästen unbedingt zeigen musst: Es kommt ein wenig auf die Gäste an. Gäste, die noch nie in Düsseldorf waren, zeige ich meistens schon die Altstadt, weil so eine Ballermann-Atmosphäre, haben die nicht erwartet. Und dann natürlich ein Museum bzw. eine Kunsthalle. Als Kurator versuche ich natürlich auch den Geschmack der Gäste zu treffen: Ob Philara, Sammlung Dahmen, Insel Hombroich, Kunstsammlung, Museum Kunst Palast, Kunsthalle, KIT – alles großartig, es kommt auf die aktuelle Ausstellung an. Und mein dritter Ort wäre ein Park: Südpark, Nordpark oder Wildpark.

Zum Kaffeeklatsch mit Küchlein & Co. trifft man dich hier: Im Café des NRW-Forum.

ABENDS

Wo verbringst du am allerliebsten einen gemütlichen Abend mit Freunden oder der Familie? In einem Park oder bei Freunden zuhause.

Welches Restaurant repräsentiert für dich am meisten den typisch-charakteristischen Geschmack von Düsseldorf? Das Bread & Roses von Volker Drkosch.

Ein Restaurant, wo du immer mal hinwolltest, aber noch nie warst: Spoerl Fabrik.

Dein absoluter Gastro-Geheimtipp-Lieblings-Spot, den du hier mit allen teilen möchtest? Laden Ein im postPOST.

Dein Lieblings-Altbier: Diebels.

NACHTS

Deine Lieblingsbar oder Dein Lieblingsbartender sind: Salon des Amateurs, Beuys Bar, Solo Bar

Eine ganz besondere, erinnerungswürdige Nacht in Düsseldorf hast du wo verbracht? NRW-Forum

Dance the night away! Getanzt wird hier: Salon des Amateurs, New Fall Festival, Open Source Festival, Haut & Knochen, Kaninchendisco & Golzheim

IMMER

Wo und wann fühlst du dich wie ein „richtiger Düsseldorfer“? Am Fortuna Büdchen.

Was vermisst du an der Stadt, wenn du nicht in Düsseldorf bist? Die rheinische Entspanntheit.

Könnte man Düsseldorf essen, schmeckt es nach: Alt, ABB-Senf, Killepitsch & Flönz in einer Goldstaub-Sauce

Was liebst du am meisten an Düsseldorf? Das unglaublich gute & facettenreiche Kunst- und Kulturangebot.

Was hasst du am meisten an Düsseldorf? Das Image.

Gibt es Plätze oder Orte in der Stadt, die dich in deinem Job inspirieren? Mich inspirieren vor allem Menschen. Die richtigen Menschen an den richtigen Orten zu treffen ist die beste Kombination.

STIL

Wo suchst & findest Du Möbel für Deine Wohnung? Mischung aus Online und Gebrauchtmöbelcenter.

Deine Top 3 Shopping-Adressen in Düsseldorf? Wochenmarkt Carlsplatz, Rethelstraße, Nordstraße

Gibt es (einen) Düsseldorfer Designer oder Künstler, den du besonders schätzt und wenn ja, warum? Ich liebe sie alle!

Der beste Ort, um Leute zu beobachten? Café NRW-Forum bzw. in den Ausstellungen.

Nach welchen Regeln stylst du dich? Was geht gut und was geht gar nicht? Je nach Termin – von offiziell bis casual.

Beschreibe den typischen Düsseldorfer-Stil in drei Worten: Kenne mer nit (bruche mer nit, fott domet.)

ALLGEMEIN

Was ist dein Lieblingsessen? Immer mal wieder was Neues.

Wo oder wobei kannst du am besten entspannen? Lesen, fernsehen, rumsitzen.

Dein Lieblingsreiseziel ist? Überall, wo ich noch nicht war.

Welches Buch liegt aktuell auf dem Nachtisch? „Der goldene Handschuh“ von Heinz Strunk; DIS-Katalog Berlin Biennale

Welchen Kinofilm hast du zuletzt gesehen? Men & Chicken, Alles steht Kopf

Dein All-Time-Favorite-Movie? Uhrwerk Orange, Léon – der Profi, 300, American Beauty, Kill Bill

Aktuell läuft auf deiner Playlist/deinem Plattenspieler? Violent Femmes, Major Lazer

Dein All-Time-Favorite-Song? „They Long To Be“ von The Carpenters, das Hochzeitslied der Simpsons – und Biebers

Vielen Dank!

Text: Teresa Schmidt-Meinecke
Fotos: Franz Schuier
© THE DORF 2016/2017